Das Deutsche Reich.
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1. Entwicklung und Statistik der Industrie.
Die wechselvolle Geschichte dieses wichtigen Zweiges der deutschen Volkswirtschaft kann man übersichtlicher Weise in drei Hauptabschnitte zerlegen, die insgesamt einen Zeitraum von rund sechs Jahrhunderten ausfüllen. Der erste Hauptabschnitt umfasst die Epoche von dem ersten Aufkommen der Verarbeitung im Anfänge des vierzehnten Jahrhunderts bis zum dreissigjährigen Kriege und bezeichnet jene Vormachtstellung, auf die eben hingewiesen wurde. Der zweite Hauptabschnitt, im wesentlichen das achtzehnte Jahrhundert ausfüllend, kennzeichnet sich durch das Wiederaufleben des durch den grossen Krieg untergegangenen Gewerbes, das aber keinen ansehnlichen Umfang zu gewinnen vermochte und den allgemeinen Entwicklungsverhältnissen entsprechend einen Handbetrieb darstellte, ln dem dritten Abschnitt endlich, der sich ungefähr mit dem neunzehnten Jahrhundert deckt, sehen wir zuerst das Eindringen der Maschinenarbeit und dann das mühsame Aufklimmen zu derjenigen Höhe, auf der sich unser Vaterland gegenwärtig befindet.
Soweit unsere Kenntnis reicht, war Karl der Grosse der erste Deutsche, der ein baumwollenes Gewand sein eigen nannte, nachdem er es von einem arabischen Fürsten aus Spanien zum Geschenk erhalten hatte. Abgesehen von dieser vereinzelten Thatsache, dürfte aber Rohbaumwolle nicht vor dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts nach Deutschland gekommen sein, und die Kenntnis von der Verarbeitung lässt sich nicht weiter als bis zum Jahre 1320 zurückverfolgen, wo sie in Ulm stattfand. Die Bürger dieser Stadt haben die Verwendung von Baum- wollfäden zu Geweben wahrscheinlich von den Mönchen des Klosters Reichenau im Bodensee gelernt, welche wiederum diese Kunst den Konstanzer Bürgern abgesehen haben. Demnach ist Konstanz derjenige Ort, wo zuerst im heutigen Deutschen Reich Baumwolle verarbeitet wurde, aber näheres darüber ist nicht bekannt; nur soviel steht fest, dass der Rohstoff dahin aus Italien gelangte. Aus dem Schweigen der Quellen darf man wohl schliessen, dass weder in Konstanz noch in Reichenau die Verarbeitung der neuen Faser einen nennenswerten Umfang erreichte. Das geschah erst in Ulm, und dieses hat daher vollen Anspruch darauf, als der Entwicklungsherd der älteren deutschen Baumwollindustrie zu gelten.