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Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896 : amtlicher Bericht über die Erste Deutsche Kolonial-Ausstellung / hrsg. von dem Arbeitsausschuss der Deutschen Kolonial-Ausstellung ... Red.: Gustav Meinecke ... Zeichn.: Rudolf Hellgrewe
Entstehung
Seite
188
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Die Marshall-Inseln.

eit dem 15. Oktober 1 SS5 besitzt Deutschland auch in jenem vom Strom des Weltverkehrs weit abgelegenen Teile des Stillen Oceans zwischen dem 4 0 und 15 0 nördlicher Breite und dem 161 0 und 173 0 östlicher Länge von Greenwich, welcher zu Mikro­nesien gehört, ein Schutzgebiet, das der Marshallinseln, zu dem noch die beiden unbedeutenden Gruppen der Brown- und Providence-Inseln, welche nach Westen hin den Uebergang zu den spanischen Karolinen vermitteln, sowie das völlig einsam weiter südlich unter dem Aequator gelegene idyllische Eiland Nauru gerechnet werden.

Der Name der Inseln rührt von dem englischen Kapitän Marshall her, welcher, nachdem bereits im Jahre 1529 der Spanier Saavedra einige Inseln dieses weitgestreckten Archipels berührt hatte, im Jahre 1788 auf der Fahrt von Australien nach China einen grossen Teil derselben auffand.

Ueber jenes Meeresgebiet, welches grösser als das Deutsche Reich ist, liegen in zwei ungefähr parallel zu einander geordneten, von NNW. nach SSO. verlaufen­den Reihen, von denen die östliche Ratak (Inseln gegen Sonnenaufgang), die westliche entsprechend Rälik ge­nannt wird, 33 kleinere Inseln oder Inselgruppen zer­streut, deren Gesamt-Bodenfläche ungefähr 450 qkm betragen mag; gegenüber der ungeheuren Ausdehnung der Meeresfläche ist sie also verschwindend klein.

Jede Inselgruppe bildet ein sogenanntes Atoll, d. h. einen Korallenriffkranz, der eine sehr verschiedene Grösse und Gestalt haben kann, welchen aber stets eine La­gune umschliesst. Der Riffkranz ragt nicht in seinem ganzen Umfang über die Meeresoberfläche empor, sondern nur stellenweise tritt die Korallenbank in Form von spitzigen Korallentrümmern oder weissem Korallensand 1 bis 4 m über dem höchsten Wasserstand hervor, wobei die Längenausdehnung der so gebildeten Inseln immer eine wesentlich grössere ist, wie die Breite. Manche Atolle, von denen die Rälikreihe 18, die Ratakreihe 15 auf­weist, haben nur ganz wenige Inseln und einen Durch­messer von 7 bis 10 km, während das grösste Atoll, Kwadjelin, ca. 110 km lang und bis über 50 km breit

ist und etwa 80 Inselchen und Inseln auf seinem Riff­kranz trägt. Zwischen den einzelnen Inseln, die manch­mal nur aus kleinen, mit einigem Strauchwerk und ein paar Kokospalmen bestandenen Korallenhaufen und Sandbänken bestehen, aber auch die Länge von 50 km bei 100 bis 1000 m Breite erreichen können, wie die Hauptinsel des Atolls Medjeru, findet die innere Lagune namentlich bei Flut Verbindung mit dem Meere. Besonders tiefe Einschnitte in den Riffgürtel, die sogenannten Passagen, deren Anzahl und Breite bei den verschiedenen Atollen eine sehr schwankende ist, gestatten auch den grössten Schiffen den Zutritt zur Lagune, deren Tiefe selbst zwischen 3050 m schwankt. Immer­hin erfordert das Passieren dieser Durchfahrten, da in ihnen oft ein äusserst starker Ebbe-Flutstrom herrscht, grosse Vorsicht, und auch die Lagunen sind mit Riffen und Untiefen durchsetzt, welche die Sicherheit des Schiffes bedrohen.

Die Aussenseite des Riffes fällt meist sehr schroff und steil in grosse Tiefen ab, namentlich an der herrschenden Wind- d. h. der Ostseite. Hier brechen sich in ununterbrochener Reihenfolge die langen Wogen­kämme des Stillen Oceans, und wenn der Nordost-Passat in voller Stärke weht, dann scheinen die niedrigen Inseln von der See aus gesehen in dem Schaum der steten Brandung, der vom Wind wie Dampf nach der Lagunenseite hinübergeführt wird, fast zu verschwinden. Erst wenn man sich einem solchen Atoll auf etwa 8 Seemeilen genähert hat, sieht man vom Deck aus die Kronen der Palmen in langen Reihen auftauchen, vor ihnen den hellblinkenden Sandstrand mit den weiss­schäumenden Brandungswellen. Beim Näherkommen kann man die durch die Passagen und Kanäle veran- lassten Lücken der Palmenreihen und die Aufteilung des schmalen Sandstreifens in zahlreiche Inselchen er­kennen, hinter denen die ruhigen grünen Lagunenwässer durchschimmern.

Die Atolle der Ratakkette sind von Süd nach Nord gerechnet: Mille (reich an Kokospalmen), Arno (viele neugepflanzte Kokospalmen-Bestände), Madjuro (fruchtbarstes und wertvollstes Atoll der Ratakkette,