Deutsch-Südwestafrika
eutsch-Siidwestafrika, das erste der im Jahre 1884 erworbenen Schutzgebiete des Reiches, nimmt unser Interesse vor allem dadurch in Anspruch, dass es die einzige von unseren Kolonien ist, in der eine Besiedlung mit Nordeuropäern ohne weiteres möglich ist. Der Grund hierfür ist nicht allein seine Lage zwischen dem 17 0 und dem 29 0 s. Br., sondern vor allem der Aufbau des Landes und die vereinte Wirkung einer beträchtlichen Meereshöhe mit derjenigen eines schon an sich gesunden Steppenklimas.
Südwestafrika stellt sich uns als ein ungeheures Hochland dar, dessen westlicher Teil nach Osten zu ansteigt und dessen innere Hochgebiete sich nördlich vom 23 0 s. Br. langsam in vorwiegend ost-nordöstlicher Richtung nach der grossen Centralmulde Südafrikas zu senken, während die Südhälfte, das Namaland, in vorwiegend südlicher Richtung nach dem Oranjestrom hin abfällt. Der Sockel erreicht die Höhe von 1000 m in allen Teilen des Landes in einer Küstenentfernung von ungefähr 150 km. Indem die Kolonie als ein Hochland bezeichnet wird, ist schon ausgesprochen, dass sie keineswegs als eine blosse Hochebene angesehen werden darf. Wohl finden wir ungeheure ebene Flächen, wohl trägt der massige Unterbau auch in Südwestafrika Tafelländer, ähnlich denen der Karroo; doch nicht allein Flussthäler und vereinzelte Kuppen bringen Abwechslung in das landschaftliche Bild, sondern auch wirkliche Gebirge finden sich dort, und besonders das für Deutschland augenblicklich wichtigste Gebiet in der Mitte des Landes ist von mannigfach gestalteten Massenerhebungen erfüllt, die es ebenso zum orographischen wie zum hydrographischen Mittelpunkt der übrigen Teile machen.
Das Küstenland stellt eine ziemlich einheitliche Landschaft dar, denn es ist das einzige Gebiet, welches thatsächlich die Bezeichnung einer Wüste verdient. Umspült von kalten Meeresgewässern, überweht von anhaltenden Süd Westwinden, welche die düsteren Nebel der Küste oft weit in das Innere führen, ist der der S ee benachbarte Westen ein ödes Land. Auf weite Strecken erfüllen es Wälle von Dünen, und gerade die
zwei besten Häfen, die Buchten von Angra Bequena und von Walfischbai, sind von solchen Sandmassen umgeben. In den hartgründigen Ebenen, die auf den meist gänzlich verödeten Sandgürtel folgen, bilden einige zähe Wüstenpflanzen und an manchen Stellen die wunderliche Gestalt der Welwitschia die einzigen Erscheinungen aus dem Pflanzenreich. Nur in unmittelbarer Nähe des Unterlaufs der Flüsse bieten niedriges Gebüsch, Dawesträucher, und am Kuiseb die Staude der Naramelone einige Abwechslung.
Die Thäler der grösseren nach dem Meere führenden Flüsse, deren sandige Betten acht Monate hindurch nur unter dem Sande Wasser führen und auch in den übrigen nicht alljährlich als oberflächlich fliessende Gewässer die See erreichen, unterbrechen oft in jähem Absturz die öden Flächen des Westens. Ein Gewirr wilder Felsen und zerrissener Seitenschluchten ist an manchen Stellen bis zu 200 m tief in die Ebene eingeschnitten. Auf den erhöhten Uferbänken der grösseren dem Ocean zuströmenden Flüsse, besonders des Omaruruflusses, des Swakob und des Kuiseb, tritt zuerst eine reichere, ja an vielen Stellen eine beinahe üppige Parkvegetation auf. Riesige Anabäume, Ebenholzbüsche, einzelne Flächen frischen Grases erfreuen das von dem Anblick der rötlichen Namibwüste ermüdete Auge. An den offenen Wasserstellen dieser Thäler und der benachbarten Felsspalten findet das Wild der Küstenzone, Springböcke, Strausse und Zebras, stets Wasser, und auch die Ochsengespanne der Frachtwagen würden ohne die Ruhezeit an solchen Plätzen wie Usab und Keigamkab am Swakob und Rooibank am Kuiseb noch weit mehr unter dem Aufenthalt in diesen wirtschaftlich fast wertlosen Strichen leiden, als es jetzt der Fall ist.
Jenseits dieses wüsten und menschenleeren Streifens, dessen Breite von Süden nach Norden abnimmt und im Mittel etwa 50—60 km beträgt, findet mit dem weiteren Ansteigen des Landes ein allmählicher Uebergang von der Wüste zur Steppe statt. Die einzelnen Kuppen, die schon auf der Namib die Einförmigkeit der Scenerie in etwas unterbrechen, nehmen