Druckschrift 
Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896 : amtlicher Bericht über die Erste Deutsche Kolonial-Ausstellung / hrsg. von dem Arbeitsausschuss der Deutschen Kolonial-Ausstellung ... Red.: Gustav Meinecke ... Zeichn.: Rudolf Hellgrewe
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

ihnen ausreichende Unterstützung zu gewähren und Ersatz zu verschaffen. Das erste Papier, welches die Möglichkeit einer ausreichenden Verzinsung in den Kolo­nien bot, die ostafrikanischen Zollobligationen, fand daher reissenden Absatz und erhält sich fortgesetzt in einem Kursstand, wie die besten Staatspapiere. Die Schaffung weiterer Möglichkeit zur sicheren und vorteilhaften Kapitalsanlage in eigenen Schutzgebieten wird einem wirk­lichen Bedürfnis abhelfen. Und man wird dabei nicht allein den Kapitalisten einen Nutzen schaffen, sondern auch dem Staat, der mehr Steuern erhält und dessen Be­völkerung an Wohlstand zunimmt.

Ebenso zweifellos ist der Nutzen, welchen Kolonien dem ganzen Deutschland dadurch zuführen müssen, dass in ihnen ein Teil der Auswanderer Platz findet, und dass der Ueberschuss an Gelehrten, Offizieren, Beamten etc. dort ein neues, aussichtsreiches Arbeits­feld findet. So mancher Gebildete, der in Deutschland nicht vorwärts kommen kann, so mancher Landmann und Arbeiter, der bisher nach Amerika ging und dort mittelbar oder unmittelbar dazu beitrug, der Heimat Konkurrenten grosszuziehen, kann in deutschen Kolonien zu seinem und des Vaterlandes Wohle thätig sein. Wie lebhaft der Wunsch hierzu ist, beweisen die grossen Mengen von Auswanderungslustigen, welche sich fort­dauernd für die einzelnen Kolonien melden. Es ist vorgekommen, dass irgend ein Industrieritter, der ein Auswanderungsunternehmen nach einer Kolonie in den Blättern ankündigte, Hunderte von oft recht wohl­habenden Teilnehmern gefunden hat.

Die einzigen Nachteile, welche aus kolonialem Besitz für Deutschland erwachsen könnten, sind die Möglichkeit, dass durch ihn in irgend einer Weise Staaten, mit denen der deutsche Handel wichtige Be­ziehungen unterhält, zu feindseligen Massnahmen gegen das Reich gereizt werden, und ferner der Fall, dass etwa durch abenteuerliche Massnahmen die Finanzen des Reichs zu stark in Anspruch genommen und Mittel, welche zur Befriedigung dringender Bedürfnisse dienen, dem deutschen Volk entzogen werden könnten. Beide Befürchtungen sind bisher gegenstandslos und dürften es auch bleiben, solange eine massvolle Re­gierung am Ruder ist und die Volksvertretung ihre Pflicht thut. Bisher haben alle deutschen Schutzgebiete mit den an sie grenzenden fremden Kolonien beste Beziehungen unterhalten. Die Reichsregierung hat ängstlich jeden Schritt vermieden, welcher zu irgend welchen Verwicklungen führen könnte, und ebenso hat sie uferlosen Plänen, die von Zeit zu Zeit von privater Seite auftauchen, niemals ihr Ohr geliehen. Solange diese Grundsätze befolgt werden und es ist nicht zu befürchten, dass das in absehbarer Zeit nicht der Fall sein würde, wird die koloniale Politik Deutschlands Volks­wirtschaft im allgemeinen und seinem Handel im be­sonderen nur Vorteile zuführen.

Handelspolitische Bedeutung der deutschen Schutzgebiete.

Voraussetzung einer gesunden kolonialen Politik Deutschlands ist begreiflicherweise eine richtige und klare Würdigung der handeis- und wirtschaftspolitischen Lage seiner Schutzgebiete. Gerade über diesen Gegen­stand herrschen aber vielfach noch recht unklare An­schauungen im Publikum. Es ist von vornherein ganz verfehlt, die deutschen Kolonien der Gegenwart, wie es geschieht, mit dem Massstabe der ältesten und reichsten Kolonialländer zu messen. Wer von Ost­afrika als von einem deutschen Indien spricht, verrät damit ungenügende Kenntnis der Verhältnisse. Indien war zur Zeit seiner Eroberung durch Portugal der Vermittler des Gewürzhandels. Durch ihn waren seine Hafenstädte zu enormem Reichtum gelangt. Die Ge­würze erzeugte es aber nur zum kleinen Teil selbst; Die besten und wertvollsten bezog es aus Ceylon und dem Indischen Archipel. Als diese Gegenden gleich­falls in europäische Hände fielen, sank der Wert des ostindischen Festlandes. Die Engländer haben auf ihm im 17. Jahrhundert durch Handel weit geringere Ge­winne erzielt als in Nordamerika und Westindien, denn es fehlte ihnen die Möglichkeit, von der zahllosen Be­wohnerschaft des Landes Gelder herauszupressen. Erst als sie sich weiter Reiche in Ostindien förmlich zu bemächtigen vermochten, als sie die aufgespeicherten Schätze seiner Fürsten einstecken und die ungezählten Millionen seiner Bevölkerung steuerpflichtig machen konnten, gewann Indien für ihre Volkswirtschaft ein grosses Interesse. Die grossen Kulturen, welche heute den Reichtum Indiens für England ausmachen, Baum­wollenbau, Seidenzeuge, Theepflanzungen, Opiumkultur, sind in der Hauptsache erst nach der Eroberung von ihnen ins Leben gerufen worden. Ohne sie und die von ihnen gleichfalls mächtig geförderte Ausnutzung der Mineralschätze wäre Indien heutzutage, wo seine Bevölkerung sich noch in ungeheurem Masse weiter vermehrt hat und andere Anschauungen in ihr Platz gegriffen haben, gerade noch im stände, seine Be­wohner zu ernähren, vermöchte dagegen England nichts abzuwerfen. Ostafrika dagegen war niemals ein reiches Land im Sinne Indiens. Weder war sein Handel je ein so bedeutender, dass er die Begier fremder Völker sehr reizen konnte, noch besitzt es auch nur an­nähernd eine so zahlreiche und intelligente Bevölkerung oder so viel kulturfähigen Boden wie Indien. Die Hauptähnlichkeit beider Gebiete dürfte die sein, dass sie oft von Trockenheit und Heuschrecken zu leiden haben und gelegentlich die Heimstätte bösartiger Krank­heiten sind. Ebensowenig wie Ostafrika mit Ostindien lässt sich Neu-Guinea und Nachbarschaft mit Hollän- disch-Indien oder Australien in eine Reihe stellen. Zu ersterem fehlt dem deutschen Südseebesitz die starke,