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N eu-Mecklenburg.
Verständigung.
An der Küste von Ncu-Mecklenburg gab es in jedem Dorfe Leute, dio Pidgeon ^-Englisch verstanden. Wer sich einen ungefähren Begriff von dem Pidgeon des Bismarck-Archipels machen will, findet das Nötigste in Schnees Bildern aus der Südsee S. 299ff. 2 ) Hier sei zum Verständnis nur folgendes bemerkt: Vor jedes Substantivum wird fellow (Bursche) gesetzt, sogar one fellow pain ein Schmerz. Die einzige Partikel heißt belong. Me heißt ich und mich, he er, sie, es, him ihn, sie, es.
Der Vorzug der leichten Erlernbarkeit des Pidgeon erweist sich dem Ethnographen leider sehr bald als empfindlicher Nachteil, denn eben seine Primitivität verwischt alle Feinheiten, womit die Sprache die mannigfaltigen Beziehungen der Dinge zueinander ausdrückt. 3 ) So bequem das Kauderwelsch im Anfang für den Beobachter ist, so rasch läßt es ihn im Stich, wenn er auf Dinge eingehen will, die im alltäglichen Vorkehr zwischen dem Weißen und dem Farbigen keine Rolle spielen, das heißt also bei allen jenen Fragen, die das ursprüngliche Leben des Stammes, seine Sitten und Gebräuche oder gar abstrakte Vorstellungen angehen. Eine weitere Gefahr, der vollständig wohl nur der ganz gründliche Kenner entgeht, ist die, daß man verstümmelte englische Worte für eingeborene hält. Man schreibt z. B. für Speer die Bezeichnung sipia auf, während es nur die verderbte Form von spear ist. Oder man notiert als Namen für ein Ornament bulopenn, das nichts anders heißt als blue peint, und wenn man zum ersten Mal von doctal reden hört, kommt man gewiß nicht darauf, daß der jetzige Kaiserliche Gouverneur Dr. Hahl gemeint ist. Wer dio außerordentlichen Verstümmelungen kennt, denen die meisten englischen Worte im Mundo der Eingeborenen ausgesetzt sind, wird gegen vorkommende Verwechslungen nachsichtig sein. Trotz aller Mängel ist das Pidgeon für den Ethnographen eine bedeutende Hülfe, die namentlich der zu schätzen weiß, der Eingeborene auch ohne Dolmetscher studiert hat. 4 )
') Die Herkunft des Wortes ist nicht ganz klar, wenn auch das meiste dafür spricht, daß es sich um eine an der chinesischen Küste verderbte Form von husiness handelt.
J ) Ganz allgemein genommen bestehen für den Eroberer oder den Kolonisator, der in ein fremdes Land kommt, drei Möglichkeiten, sich mit den Eingeborenen zu verständigen. Man zwingt diese, die Sprache der Eroberer zu erlernen und rottet dadurch in kurzer- Zeit die Landessprache aus, wie es z. B. die Spanier in Süd- und Mittelamerika gemacht haben. Oder man lernt die Eingeborenen-Spraehe und hütet die heimische als ein Herrenvorrecht der weißen Rasse, ein Weg, den anfangs die Holländer auf den Sunda-Inseln und die Engländer in Vorder-Indien eingeschlagen haben. Endlich ist ein Mittelding zwischen beiden Verfahren denkbar, eben das sogenannte Pidgeon-Englisch, ein Gemisch von der Eingeborenen-Spraehe und Englisch. Natürlich liat jedes Gebiet sein eignes Pidgeon, das der Ankömmling so schnell wie möglich lernen muß, wenn er sich mit den Eingeborenen verständigen will. — Im Bismarck-Archipel versteht gegenwärtig jeder Eingeborene, der längere Zeit mit Weißen zu tun hatte, Pidgeon, und in den besuchteren Gegenden befinden sich immer einige, die als Plan tagen arb eit er oder als Decksjungen gedient haben. Nicht selten hört man einen Burschen auslacben: „This fellow he no sabe (weiß) talk ’long white man.“
3 ) Ein Beispiel s. S. 99.
4 ) S. z. B. Beiträge zur Psychologie der Bewohner von Neu-Pommern. Globus 1905. Bd. 88. S. 205.