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Das Auslanddeutschtum und das neue Reich : Betrachtungen und Vorschläge / von Christian F. Weiser
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Die Stipendiengründung

Lage der Dinge auch gar nicht anders auswirken kann. Die Überzeugung, daß die «christliche Zivilisation" ihnen anvertraut, und daß sie von Gott dazu auserlesen seien, die biblischen Weissagungen von dem Weltreich des Messias zu erfüllen, ist ihrem Fühlen und Denken so tief eingewurzelt, daß in der Beurteilung der anderen, zumal politischer Gegner, und in der Mahl der Mittel für die christlich- nationale Ausbreitung Gerechtigkeitsgefühl und Gewissen versagen, wobei noch zudem die oben geschilderte praktische Philosophie, die nachgerade dem Unbewußten des sittlich- intellektuellen Bestandes angehört, mitbestimmend wirkt. Wird auch stets das Bestreben, Menschen und Dingen unter allen Umständen gerecht zu werden, ein Merkzeichen deut­scher Art bleiben, so sollten doch zugleich die Gebote der Selbstachtung und der Selbsterhaltung, die auch für den Christen gelten, nicht übersehen werden.

Hier stehen wir übrigens an einem der kritischsten Punkte unseres nationalen Eigenwesens. Durch alles Bei­werk auf die Sache, durch alle Bilder auf den Sinn, durch den Schein zum Wesen vorzudringen, zeigte sich schon lange vor der Reformation als Merkmal germanischer Art, und die Hingegebenheit an die Sache, an die Wahrheit ward immer mehr zu dem Auszeichnenden unserer Kultur. Zu­gleich erfuhren wir freilich in dem Gefolge der Reformation, wie der unbeugsame Wahrheitssinn als Unsegen sich er­weisen konnte. Als wichtiger aber und bedeutsamer noch erscheint uns die Erkenntnis, daß das, was als Borzug und unerläßliches Gesetz erscheint in dem Aufbau des geistig- sittlichen Lebens, aufhört als Tugend zu wirken in unserem Verkehr mit den Völkern der Welt. Tatsächlich ist das Drängen auf Gerechtigkeit und Wahrheit um jeden Preis in unserer Auseinandersetzung mit den anderen dazu an­getan, den Bestand unseres nationalen Lebens zu gefährden, da diese anderen nicht in gleichen Maßen denken und handeln. Mit größerem Recht, als es weiland zu Marburg dem erschrockenen Zwingli gegenüber geschah, könnte heute ein deutscher Luther den Weltvölkern, und vorab den Angel­sachsen, zurufen: «3hr habt einen andern Geist!" Wollen wir auch von unserem Geist nicht lassen; denn er bedeutet uns die edelste Frucht menschlicher Geistesmühe, so fragt es sich doch, was für unseren Verkehr mit der fremden