Angelsächsisches Christentum und nationale Propaganda 27
im Konfliktsfall die fremde Sache, sei es aus dem Bedürfnis der Selbstrechtfertigung oder aus Überschwang deutscher Sachlichkeit, innerhalb seines eigenen Kreises und darüber hinaus zu der seinigen zu machen. Jedenfalls bedarf es der Feststellung, daß die deutsche Auslandvertretung bis jetzt ihren Beruf kaum in national-deutschem Sinne erfaßte, und so hat sie sich auch kaum je mit dem Auslanddeutschtum in fördernde Verbindung gesetzt. Wir entsandten Kavaliere statt Diplomaten. Ihre Obliegenheiten erfüllten sich darum zumeist in der Pflege gesellschaftlicher Beziehungen, und über täuschenden Galanterien gingen die Wirklichkeiten ihren Gang.
Die angelsächsische Welt hat keine so wie die
Franzosen; denn die «Englisch Society" läßt sich nicht mit dieser vergleichen, dafür aber besitzt sie Propagandainstitute, die in ihrer Wirksamkeit und Bedeutung für den angelsächsischen Gedanken in der Welt die völlig hinter
sich zurücklassen. Es sind dies die Kirchen und die Missions- gesellschaften, wie überhaupt alle englisch-amerikanischen Anstalten zur Beförderung des Ehristentums in der Welt. Das Christentum ist ja noch nie in dem Sinn eine Welt- religion gewesen, daß es die nationalen Besonderheiten des religiösen Triebes in der Seinsweise seines eigenen sittlichreligiösen Ideales aufgehoben hätte; das geschichtliche Bild zeigt vielmehr, daß es allzuhäufig das Trennende unter den Völkern nur noch weiter verstärkte, wobei die sittlichreligiöse Begründung dem Gegensatz eine ganz besondere Schärfe gab. Ward es gleich auch immer wieder erkannt und betont, daß es sein Beruf sei, die Völker in einer Gemeinsamkeit des Glaubens und Lebens zusammenzuführen, und ward dies Ideal kaum je von Bekennern mit größerem Eifer vertreten als von den ernsten angelsächsischen Christen unserer Tage, so zeigt aber zugleich eben dies Beispiel, wie in dem vermeintlich Universellen immer wieder das Individuell-Nationale sich durchseht. Ist ein jedes der großen Kulturvölker davon überzeugt, daß die Bekehrung der Welt zu dem eigenen Kulturideal den An- bruch eines goldenen Zeitalters brächte, so bildet gerade bei den Angelsachsen die religiöse Auffassung ein wesentliches Stück des Kulturideals, und da das besondere Selbstbewußtsein, das in dem Schoß der eigenen Rasse das Welt-