Allgemeine Bemerkungen zu den /Vlessungstabellen und den
T\}pen=Tafeln.
Als Messapparate benutzte ich gleich v. Luschan ein Instru- *■ mentarium, welches mit unwesentlichen Modifikationen dem französischen, von Broca und Topinard angegebenen, entspricht* *).
Beim Messen vermied ich gleich v. Luschan so viel als möglich das Andrücken des Zirkels gegen die Haut; ein starkes Andrücken ist meiner Ansicht nach nicht nur zwecklos, sondern sogar schädlich.
Ohne weiteres sind die beim Lebenden, ob mit, ob ohne starkes Andrücken gegen den Knochen gewonnenen Mafse ja doch nicht mit den am Skelettmaterial erhaltenen Resultaten zu vergleichen. Ferner wird man bei dem Prinzipe stets nach Möglichkeit die Weichteile gegen die knöcherne Unterlage zu komprimieren, naturgemäss bei toleranten Individuen unwillkürlich stärker drücken, als bei wehleidigen, so dass die so wünschenswerte Gleichmässigkeit des Messens darunter leidet. Drittens ist es bei dieser Methode recht unangenehm, sich dem Messen zu unterziehen, und wenn auch Europäer verständig genug sind, dieselbe über sich ergehen zu lassen, wird man bei Naturvölkern schon grössere Schwierigkeiten damit haben; wenn der gerade zu Messende auch selbst noch aushält, so wird er doch seine Nachfolger warnen, sich der unangenehmen Prozedur zu unterziehen. Endlich können, wenn man die gebräuchlichen Stangenzirkel benutzt, durch festes Andrücken leicht sehr erhebliche Fehler entstehen; zwar erhält man, je fester man drückt, um so kleinere Mafse, diese entsprechen aber nur zu einem Teil der wirklichen Kompression der Weichteile, zu einem andern aber dem Nachgeben des Instrumentes, wovon man sich überzeugen kann, wenn man einen unnachgiebigen Gegenstand, z. B. einen knöchernen Schädel, unter Anwendung starken Drucks mit einem der gewöhnlichen, zum Schädelmessen dienenden Stangenzirkel misst**).
*) Ein Instrumentarium nach denselben Prinzipien wird gegenwärtig in sehr exakter Ausführung von Hermann in Zürich nach den Angaben von Prof. Martin angefertigt. Der grosse, zerlegbare, 2 m lange Mafsstab mit der Stangenzirkel-Vorrichtung ist aus Metallrohr, anstatt wie bei dem französischen Instrumente aus Holz; ausserdem gehört noch ein kleiner Schiebezirkel und ein tadellos gearbeiteter Tasterzirkel zu dem Apparate, welcher inkl. seiner Taschen nur 80 Mark kostet.
**) Ein Tasterzirkel besitzt diesen Fehler natürlich nicht; bei Messungen am behaarten Kopf hat der Taster übrigens auch den Vorzug, dass sich seine Spitzen besser zwischen die Haare einschieben lassen, als die Arme des Stangenzirkels, ein bei dem dichten Haarwuchs mancher Neger nicht unwesentlicher Vorteil, v. Luschan und Manouvrier messen übrigens, in vollständiger Uebereinstimmung mit einander, wie mir Herr v. Luschan mitteilte,
Nur bei einem einzigen Mafse, dem Diameter Boude- loqui pelvis, wurde der Tasterzirkel gegen den oberen Symphysenrand angedrückt, um dieses Mafs in derselben Weise zu messen, wie es die Gynäkologen thun.
Was die Ausführung der Messungen im einzelnen an- belangt, so bediente ich mich, soweit es die Zeit erlaubte, des ausführlichen v. Luschanschen Messuncschemas. Da
ich jedoch vielfach nicht die genügende Zeit fand, um alle jene Mafse zu nehmen, musste ich mich oft darauf beschränken, nur eine Anzahl der wichtigsten Messungen aus- zuführen*).
Ich habe aber selbst in denjenigen Fällen, wo nur ganz wenige Mafse verzeichnet werden konnten, mit Rücksicht auf die Kleinheit des vorhandenen Materials die betreffenden Individuen in den Tabellen nicht fortgelassen, sondern mit angeführt.
Die direkt gemessenen Ohrhöhen habe ich in die Tabellen nicht eingetragen, da mich Kontrollmessungen von der Unzuverlässigkeit dieses Mafses überzeugten; statt dessen ermittelte ich dieses fundamentale Mafs nach der von v. Luschan angegebenen Methode durch Konstruktion aus einem gleichschenkligen Dreieck, dessen Basis der Abstand zwischen den Traguswurzeln bildet, während die Seiten der Entfernung des Scheitels von den Traguswurzeln entsprechen; in diesem Dreieck ist die durch Konstruktion auf dem Papier mit Zirkel und Lineal leicht zu ermittelnde Höhe gleich der gesuchten Ohrhöhe**).
die grösste Länge und Breite des Kopfes am Lebenden nur noch mit dem Tasterzirkel.
*) Da mir, wie bereits angedeutet, nur zuweilen jemand zur Verfügung stand, der mir als Schreibender beim Messen behilflich sein konnte, so war ich genötigt, diese selten gebotene Gelegenheit zum Messen von möglichst viel Individuen auszunützen. Jeder, der selbst gemessen hat, weiss es ja, wie unangenehm und zeitraubend es ist, wenn man gezwungen ist, nach jeder Messung den Zirkel aus der Hand zu legen und zum Bleistift zu greifen; der Mangel an einem mir stets zur Verfügung stehenden Schreiber ist auch der Grund, weshalb ich nicht eine viel grössere Anzahl von Individuen gemessen habe.
**) v. Luschan hat nach diesem Prinzip ein Instrument konstruiert, welches in sehr exakter Weise eine direkte Messung der Ohrhöhe am Lebenden gestattet; es besteht aus einem dreiarmigen Zirkel mit Parallelogramm- Führung, welcher in der Weise gebraucht wird, dass zwei Branchen wie bei einem Tasterzirkel an die Traguswurzeln gelegt werden, während der dritte Arm den Scheitel berührt; an diesem Arm ist die Ohrhöhe dann ohne weiteres abzulesen.
Wird dieser dritte Arm auf die Nasenwurzel gesetzt, während die beiden andern Arme an dhn Traguswurzeln liegen, so erhält man die ungefähre Basislänge des Schädels. Das Instrument ist bei Hamann in Friedenau bei Berlin, Hedwigstrasse I 7, erhältlich.