Druckschrift 
Das Deutschtum in den Vereinigten Staaten in seiner Bedeutung für die amerikanische Kultur / von Albert B. Faust, Prof. an der Cornell-Univ.
Entstehung
Seite
386
Einzelbild herunterladen
 

386 Achtes Kapitel: Einfluß des deutschen Elements auf Gesellschaft und Sitte.

walt. Dieselben Grundsätze sollten auch in der Wiedergeburt und Ent­wicklung unserer Republik ihre Kraft beweisen. Alle Bekenntnisse und alle Parteien könnten sich in ihnen vereinen." Unter den deutschen Flüchtlingen, die zwischen 1820 und 1860 zu uns herüberkamen, gab es viele, die ein strenges Pflichtbewußtsein als Erbe der deutschen Über­lieferung mit herüberbrachten. Dieses Pflichtgefühl hat sich bei der großen Anzahl geistig hochstehender Deutscher, die keinerlei kirch­lichem Bekenntnis ihre sittlichen Anschauungen entnehmen, als starke ethische Stütze erwiesen. Der Rationalismus, das Freidenkertum und die ethische Kultur gewannen durch den Einfluß der deutschen poli­tischen Flüchtlinge des 19. Jahrhunderts in Amerika an Bedeutung. Einen Beleg hierfür bilden die zahlreichen freien Gemeinden, die ähn­lichen Vereinigungen in Deutschland nachgebildet worden sind. Im Jahre 1859 schlössen sich eine Reihe solcher freien Gemeinden zusam­men. Zuerst war Philadelphia ihr Mittelpunkt, dieser hat sich aber in­zwischen nach dem mittleren Westen verschoben. Eine interessante kleine Gemeinschaft hat eine Reihe freier, unabhängiger Gruppen unter dem NamenDeutsch-evangelisch-protestantische Kirche" vereinigt. Zu ihr gehören Kirchen, die bereits seit 100 Jahren bestehen, andere stammen-aus neuerer Zeit. In ihren theologischen Anschauungen ist diese Gemeinschaft rationalistisch und liberal; 1900 umfaßte sie 52 Kir­chen mit 36 156 Mitgliedern. 1 Eine liberale Theologie braucht durchaus nicht glaubenslos zu sein und das sehnende Verlangen des Menschen­herzens nach religiösem Halt zu leugnen, anderseits aber ist sie auf tiefes und scharfes Nachdenken über religiöse Fragen gerichtet.

Es ergibt sich nun aus der Geschichte, daß die große Mehrheit der deutschen Einwanderer von tief religiösem Sinn beseelt war. Fast alle brachten sie schon gleich anfangs ihre Prediger mit herüber und hielten streng an ihren religiösen Lehren fest, bis der stärkere Strom des ameri­kanischen Lebens sie mit sich fortriß oder bis sie Kraft genug gesammelt hatten, dauernde eigene religiöse Einrichtungen zu begründen, wie sie uns in der lutherischen Kirche, der reformierten Kirche und vielen ande­ren entgegentreten.

V. Deutsch-amerikanische Philanthropen.

Ein schöner Zug des reichen Amerikaners ist seine großartige Frei­gebigkeit in Bildungs- und Wohltätigkeitsangelegenheiten. Europa be-

1 Carroll S. 155.

r%