Entwicklung des musikalischen Geschmacks.
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'Washington-Marsch' oder 'Yankee Doodle 5 ." Als die Künstler am folgenden Abend das Konzert wiederholen wollten, empfing man sie mit Pfeifen und faulen Eiern. Vom „Yankee Doodle" zum „Parsifal" in weniger als 70 Jahren, das ist das Ergebnis des deutschen Einflusses auf die Entwicklung des musikalischen Geschmacks in Amerika. 1
Malerei.
Vor 1776 besaß Amerika überhaupt keine Kunst. „Die Leute essen und trinken, bauen, machen urbar, vermehren sich. Ein großes Stück Eisen war wertvoller als die schönste Statue, eine Elle gutes Tuch geschätzter als Raphaels Transfiguration." 2 Der hervorragende Professor der Kunstgeschichte an der Universität Breslau, der dies scharfe historische Urteil fällt, gibt nichtsdestoweniger zu, daß Amerika heute eine eigene Kunst hat, zwar keine nationale, sondern eine kosmopolitische Kunst, „weil Amerikas ganze Kultur weit mehr als die der anderen Völker sich dem internationalen Weltverkehr öffnet". 3 Dem Mittelpunkt europäischer Kunst ist Amerika näher als Rußland, und viele seiner besten Künstler leben in europäischen Hauptstädten. Noch haben die bildenden Künste nicht, wie die Musik, im amerikanischen Boden feste Wurzel gefaßt. Bieten ihnen doch die Vereinigten Staaten auf diesem Gebiete einstweilen noch nicht die gleichen Bildungsmöglichkeiten durch Akademien, Museen und öffentliche Baudenkmäler.
Was die Geschichte der Malerei in Amerika betrifft, so hat sich hier deutscher Einfluß zweimal stark betätigt. Zuerst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch die Düsseldorfer Schule und zum zweitenmal, erst kürzlich, durch die Münchner Künstler. Von den ersten Vertretern amerikanischer Malerei, J. S. Copley, Benjamin West, Gil-
1 Der berufenste Darsteller des deutschen Einflusses auf die Entwicklung der Musik in den Vereinigten Staaten würde Oscar G. Sonneck sein, Bibliothekar der Musikabteilung in der Kongreß-Bibliothek zu Washington, dessen kurzer Beitrag: „Deutscher Einfluß auf das Musikleben Amerikas" in dem „Buch der Deutschen in Amerika" (Philadelphia, 1909) auf gründlicher Beherrschung eines von ihm selbst gesammelten Materials beruht. Da dieser Beitrag zu spät erschien, konnte ihn der Verfasser für seine englische Ausgabe nicht mehr verwerten, und hat^dies auch für die deutsche Ausgabe nur in geringem Maße getan, da Sonneck es sich zur Pflicht machen sollte, eine erschöpfende Behandlung des wichtigen Gegenstandes erscheinen zu lassen.
2 RichardM. Muther: „Geschichte der Malerei im 19.Jahrhundert", München 1894. Bd. III, S. 366.
3 Muther, a. a. 0., S. 404.