Vorwort.
Jede Pionierarbeit ist zu Stückwerk verurteilt. Das gilt verstärkt von der Arbeit einer Expedition, auf der die wissenschaftliche Beobachtung- in allen entscheidenden Punkten, in der Wahl der Wanderrichtung, Dauer der Aufenthalte, Ausrüstung und Hilfsmannschaft absolut einer praktischen Hauptaufgabe sich unterzuordnen hatte. Die Hauptaufgabe der Expedition, innerhalb von rund acht Monaten das unbekannte Gelände im Bereich des 141. Längenkreises längs der 260 km langen Lineargrenze des deutschen und holländischen Besitzes auszukundschaften, drängte unsere Märsche von vornherein zur Eile und in einseitig nordsüd- lichc Richtung. Ein Rechts und Links gab es für uns nur, wo wir dem Ziel, dem fernsten erreichbaren Südpunkt auf dem genannten Meridian, auf einem Umweg schneller als in gerader Linie näher zu kommen hofften.
Das Land, das die Expedition zunächst aufklärte, zieht sich als wechselnd breiter Streifen von der Nordküste bei Germaniahuk den Tami-Fluß hinauf 80 km in Luftlinie südwärts.
In ein zweites, noch weiter südlich gelegenes Arbeitsfeld führte uns der Wunsch, den Bereich des 141. Längenkreises bis möglichst nahe an den Dreigrenzenschnittpunkt auf dem fünften Breiten- parallel zu verfolgen. Unseren Anmarsch zeichnete hier in weitem, aber lohnendem LJmweg der Sepik vor; sein bisher unbekannter Überlauf führte uns bis nahe an das Ziel in die Gebirgswelt des Innern.
Wer in Wüsten und Halbwüsten gewandert ist, wo oft über Meilen hin der Aufbau des Gebirges entschleiert vor uns liegt, gewöhnt sich nur langsam an die Entsagung, die der Urwald auferlegt : Tagelang Bäume fällen, che überhaupt größere Geländeformen sichtbar werden, in jedem Quadranten des Gesichtsfeldes dann einzeln die Linien eius Nebeln und Wolken stehlen, für Wochen abermals in die Enge der Wälder tauchen, oft ohne auch nur einen Punkt zur Wiedererkennung dauernd im Auge behalten zu können, nur an der Hoffnung haltend, daß wenigstens einmal noch eine
blaue Ferne durch die Kronen schimmern werde —, das waren in unserem Marschbereich die Hemmnisse eines tieferen Eindringens in den Aufbau des Landes. Solange wir aber die Tektonik der Gebirge, die Mächtigkeit der Alluvionen und was unter ihnen begraben liegt, nicht kennen, solange wir über die umgestaltenden Kräfte, die heute noch im Innern des Landes wirksam sind, nichts als die lückenhaften Beobachtungen einer fliegenden Patrouille der Wissenschaft haben, erweist sich jeder Versuch einer kausalen Erklärung des Reliefs der durchwanderten Landschaften als verfrüht. W T ic der Reisende möge daher auch der morphologisch interessierte Leser auf eine selbst vorläufige hypothetische Gestaltung des Gesehenen verzichten. Wir waren glücklich, wo wir einwandfrei gleichsam das Rohmaterial der Tatsachen losbrechen konnten; man wolle im Steinbruch nicht nach Statuen suchen.
Aber nach einer anderen Richtung bleibt selbst dem eilig Wandernden die Möglichkeit, mit der Gestaltung des Stoffes wenigstens zu beginnen. Wer in Wanderungen, die den größeren Teil eines Jahres umfassen, abwechselnd die Freuden und die Trostlosigkeit des Urwalddaseins an Leib und Seele durchkostet, gewinnt an den Lebewesen um ihn her ein anderes Interesse als allein das des Systematikers. Er lernt mit der Zeit im einzelnen erkennen, wie die Natur in der Ausbildung bestimmter Lebensbezirke der Pflanzen- und Tierwelt den Daseinskampf in eine Art gewaltsamen Friedens lenkt, in dessen Härten die Schwachen sich fügen gelernt haben. Das Chaos der Formen, das aus beiden Reichen mit jedem Tag verwirrender auf uns eindringt, ordnet sich dann zu einem ruhigen Bild verschiedener Gruppen kausaler Zusammenhänge von Leben und Umwelt.
Von diesem Standpunkt einer Betrachtung der regionalen Verschiedenheiten im Haushalt der Lebewesen aus habe ich auch den Menschen angesehen, der Grenze wohl bewußt, die für diese Art der Betrachtung die Geschichte oder hier die