I. Aufgaben der Expedition.
Im Jahre 1905 wurde unter dem Vorsitz von Prof. Dr. H a n s M e v e r - Leipzig eine „Kommission für die landeskundliche Erforschung der Schutzgebiete“ ins Leben gerufen, die sich die Auf- o-abe stellte, die Erforschung unserer Kolonien systematischer als bisher und im Sinne der modernen Geographie zu betreiben, d. h. in jeder Landschaft die Vereinigung, die ursächlichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen der verschiedenen Naturreiche und des Menschen zu untersuchen.
Für Deutsch-Ostafrika war unter anderem die Erforschung des bisher unbekanntesten Stückes, des abflußlosen Gebiets zwischen Kilimandscharo und Yictoriasce vorgesehen. Auf Antrag der landeskundlichen Kommission erhielt ich Anfang 1906 von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts (dem jetzigen Reichs-Kolonialamt) den Auftrag, eine Forschungsreise in dieses abflußlose Gebiet zu unternehmen. Da ich schon 1904 an der Expedition der Otto Winter- Stiftung teilgenommen hatte, die mein Freund Prof. Dr. Carl U h 1 i g in den östlich der großen Bruchstufe gelegenen Teil des abflußlosen Gebietes führte, so besaß ich die geeignete Vorbildung für meinen Auftrag. Ich möchte der Kolonialabteilung, der landeskundlichen Kommission und insbesondere ihrem Vorsitzenden Herrn Geheimrat Hans Meyer, dessen unermüdlicher Eifer das baldige Zustandekommen dieser Expedition gegenüber andern Wünschen durchgesetzt hat, für diesen Auftrag meinen herzlichsten Dank aussprechen.
Unbekanntheit des Gebiets.
Tn der Tat zeigten die Länder zwischen dem Kilimandscharo und Meru einerseits und den Landschaften am östlichen Gestade des Y ictoriasees anderseits bis dahin die größten weißen Flecken auf der Karte unserer ostafrikanischen Kolonie. Während am Kilimandscharo und Meru kolonialpolitische, wirtschaftliche und Missionsinteressen Anlaß zur Gründung von Stationen und zur Ansiedlung einer Anzahl von Europäern gegeben
Mitteilungen a. d. D, Schutzgebieten, Ergänzungsheft 4.
hatten und auch das Land östlich des Victoriasecs durch die Stationen Muansa, Schirati und Ikoma zum tatsächlichen Machtbereich unserer Kolonie gehörte, hatten in den weiten Landstrichen dazwischen bisher nur einzelne Forschungsreisende auf weit voneinander liegenden Linien das Gebiet durchzogen. Ihre Reisen seien hier kurz aufgezählt.
G. A. Fische r 1 ) wagte 1882/83 die recht gefahrvolle Reise ins Land der damals noch ungebeugten Massai, brachte uns eingehende Schilderungen dieses interessanten Volkes und legte die Hauptzüge der Topographie kartographisch nieder. Vom Meru zog er westwärts bis Engaruka, folgte dann dem Fuß der großen Bruchstufe nordwärts, den Magad - Salzsee rechts lassend, bis weit ins heute englische Gebiet. Den Rückweg nahm er östlich des Alagadsees und des Gelei-Vulkans. Bis 1905 trugen alle unsre Karten der Gegend am Magad die Züge der Fischer sehen Aufnahmen, obwohl inzwischen eine Reihe anderer Forscher, großenteils dem Fischer sehen Wege folgend, das Land durchquert hatten.
1887 zogen Graf T e 1 e k i und Ritter v. Höhne l 2 ) denselben Weg, schloßen aber dann weiter nordwärts wichtige Entdeckungen an. H ö h n e 1 s Aufnahmen entschleierten das Relief im heute englischen Gebiet so weit, daß Edua r d Sue ß 3 ) daraus den großen ostafrikanischen Graben erkannte, v. T roth a 4 ) folgte 1896, die Scliocl-
1) Fischer, G. A., Bericht über die im Auftrag der Geographischen Gesellschaft in Hamburg unternommene Reise in das Massailand. Mitt. Geogr. Ges. Hamburg 1882/83, S. 36 bis 99 , i8 9 bis 2 79 -
2) Vi Höhnet, Zum Rudolfsee und Stephaniesee. Wien 1892. v. Höhnet, Ostäquatorial-Afrika zwischen dem Pangani und dem neuentdeckten Rudolfsee. Ergebnisse der Graf S. Telekischen Expedition 1887 bis 1888, Petermanns
Mitt. Ergh. 99. Gotha 1890.
3 ) Sueß, Ed., Die Brüche des östlichen Afrika. Denkschr. d. k. k. Akad. Wiss. Wien. Math. nat. Klasse LVIII, S. 555 bis 584- Wien 1891.
4 ) v. Trotha, Meine Bereisung von Deutsch-Ostafrika. Berlin 1897.