Druckschrift 
Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten Deutsch-Ostafrikas ; mit 63 Bildertafeln, 1 Karte und einer Beilabge in Faarbendruck / von Karl Weule
Entstehung
Seite
126
Einzelbild herunterladen
 

I

26

Umgebung; kein Wunder also, wenn man dichte Trupps von wasserholenden Frauen und Kindern über die weite Wiesenfläche hin verstreut sah. Jenseits dieser flachen Senke steigt der Weg zunächst etwas an, fällt dann nach einiger Zeit wieder ziemlich steil ab und zieht sich nun noch einige gute Weg­stunden weit durch eine ganz merkwürdige Land­schaft dahin. Sie ist absolut eben und besteht aus so reinem Sande, daß man sich wundern muß, über­haupt noch Vegetation zu finden. Doch die ist nicht einmal kümmerlich. Zwar ist der Busch hier nicht so hoch wie bisher, aber er ist eben so dicht; nur sind die einzelnen, dicht ineinander verschlungenen Pflanzengruppen gänzlich von Schlinggewächsen überzogen, die aufs täuschendste dem Rankengewirr unseres Teufelszwirns gleichen.

Als wichtigste Person unter den Wangoni war mir der alte Madyaliwa genannt worden; er fand sich, nachdem die Empfangsfeierlichkeiten beendet waren, mitsamt den übrigen Großen unter der Barasa

innerhalb der Borna, unter der ich, wie immer in unseren Standlagern, meine Arbeitsstätte auf­geschlagen hatte, ein, ein vielleicht 70 Jahre alter, wie alle seine Landsleute magerer, offenbar schlecht genährter Mann, der leider von seinem Volke nicht so viel wußte, wie von ihm gesagt wurde und wie ich von ihm gewünscht hätte.

Ich bin an das Studium der Wangoni in dem vollen Bewußtsein ihres Sulutums herangetreten, bin aber schon auf Grund der mir gewordenen Mit­teilungen über ihre Stammesgeschichte eines Bessern belehrt worden. Eine von mir vorgenommene Auf­nahme der Sitten und der Sprache hat dann nur um so sicherer ergeben, daß diese Leute mit den Wangoni vom Njassa außer dem Namen nichts weiter gemein haben als eine längere Reihe stets feindlicher Be­rührungen. Was sie in Wirklichkeit sind, ob Wajao oder Makonde oder Wandonde, muß die genaue Ver- gleichung des sprachlichen Materials ergeben. Kaffern sind sie aber unter keinen Umständen.

Geschichte.

Außer dem alten Madyaliwa und seinem Bruder Liambaku gehörten zu dem Kreise von Stammes­gelehrten, der sich zwei Wochen lang, so oft ich es wünschte, zu meinen Füßen versammelte, auch noch Makachu, ein wahrhaft riesiger Neger von gewaltigen Abmessungen, ebenfalls sicher schon zwischen 50 und 60 Jahre alt; sodann Kambale, höchstens 50 Jahre alt; Ntulua, ein wiederum sehr alter Mann; Saidi, der Lehrer von Nkundi, u. a. m. Madyaliwa ist nach seiner Aussage am Flusse Lukimbua geboren; der Name seiner Sippe (lukohu, Plural lukoro?) sei Makale. Außer dieser lukohu der Makale gäbe es bei ihnen nur noch eine einzige andere: die der Wakwama (Singular Mkwama), zu der der lange Makachu ge­höre. Makachu selbst stammt auch vom Lukimbua. Er ist als Junge von den Wangoni an den Mluhesi vertrieben worden.

Von den Wangoni?" warf ich aufs höchste er­staunt ein.

Ja, von den Wangoni," lautete die ebenso er­staunte Antwort.

Ich hielt es für das Klügste, jedes Gefühl irgend­welchen Zweifels einstweilen zurückzudämmen und der Untersuchung ihren gewohnten Gang zu be­lassen. So erzählte Makachu also weiter: Als er an­fing, einen Bart zu bekommen, wurden sie wieder ver­trieben, wiederum von den Wangoni, und zwar bis zum Häuptling Namagono; und sie waren viele Leute.

Namagono ist auf unseren Karten verzeichnet unter 38 0 26' östlicher Länge auf dem rechten Rowuma- ufer; der damalige Rückzug der Wangoni geht also schon bis annähernd an die Mündung des Ludjenda. Kambale erzählt, daß er als Knabe bei Namagono gewesen sei; Liambaku aber, der Bruder Madyaliwas und ein wenig jünger als dieser, fällt hier ein, auch er sei am Lukimbua geboren.

Da aber nimmt Madyaliwa als Senior von neuem das Wort:Vom Lukimbua sind wir zum Kandulu gegangen, einem Jao-Häuptling. Von da haben uns die Wangoni vertrieben; wir sind zuerst zu Nama­gono gegangen und dann zu Makachu. Dort haben wir ein Jahr gesessen. Dann aber sind auch dorthin die Wangoni gekommen und haben uns von neuem verjagt. Jetzt sind wir bis Ntschitschira gegangen. Aber auch hier sind wir von den Wangoni überfallen worden." Das sei zu der Zeit gewesen, wo die Deut­schen sich in Lindi niedergelassen hätten.

Aber sind nicht die Wangoni, die Euch so oft angegriffen und verfolgt haben, Eure Brüder?" frage ich.Aber nein," ertönt es einhellig aus aller Munde, sie sind unsere ärgsten Feinde".

Und die Sprache? Die versteht Ihr doch wohl?" Auch hier ertönt ein geharnischtesNein", und dann erfolgt ein längerer, von allen durcheinander ge­sprochener Erguß folgenden Inhalts:

Wir selbst nennen uns Wangoni, die Leute aber