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Die Wangoni.
Schon an der Küste in Lindi hatten mir die landeskundigen Europäer gesagt, die Wangoni am Südrand des Makondeplateaus müsse ich unbedingt besuchen; einhellig fügte man hinzu, sie seien deswegen so sehenswert, weil sie ein Teil des gleichnamigen Suluvolkes am Ostufer des nördlichen Njas- sa und damit eine Enklave fremden Blutes inmitten der gleichartigen Masse der östlichen Bantu seien. Ich selbst, der ich mich zwar in früheren Jahren in langen Abhandlungen eingehend und ausgiebig mit den Suluvölkern des Njassagebietes beschäftigt hatte, der ich aber jetzt doch ganz plötzlich und unvorbereitet vor dem neuen Reiseziel des südlichen Forschungsgebietes stand, konnte naturgemäß diese Angabe nicht kontrollieren, zumal auch Fülleborns großes Werk, in dem er auch diese Wangoni-Enklave kurz berührt, noch nicht erschienen war; ich nahm mit allen anderen Herren demgemäß als ausgemacht an, daß wir es hier mit wirklichen Sulu zu tun hätten und freute mich schon Monate lang vorher auf das Zusammentreffen mit diesem Völkerstamm.
Ich habe ihn von Newala aus besucht. Auch Knudsen, der alte Landeskenner, war der festen Meinung, in den Wangoni Sulu vor sich zu haben; er hatte ihr Gebiet zwar noch nicht berührt, rühmte aber gleichwohl von ihnen, daß sie ganz andere Kerle seien als die bisher von uns besuchten Neger; sie wären groß, schlank, tapfer und reinlich und hätten vor allem geschlossene Siedelungen mit dicht an- einandergelegenen Hütten.
Über Mahuta marschierend, erreichte ich am 12. Oktober 1906 die Landschaft Ntschitschira, den Verbreitungsbezirk der lange ersehnten Wangoni. Mein Lager schlug ich in der vor kurzem erst errichteten Borna auf, die, hart über dem Steilabfall des Plateaus gelegen, eine wundervolle und umfassende Rundsicht auf das tiefausgehöhlte Durchbruchstal des Rowuma und das gegenüberliegende Mawiaplateau gewährt. Trotzdem auch jetzt noch Rauchwolken an zahllosen Stellen aus dem Waldesgrün emporstiegen, hervorgerufen durch das unausgesetzte Brennen, war die Szenerie besonders bei Sonnenuntergang von unbeschreiblichem Reiz: im Vordergrund, unmittelbar zu den Füßen des Beschauers, das dichte Grün des üppigen Rowuma- Hochwaldes, untermischt mit breiten, steppenartigen Streifen hohen Grases; dahinter das weiße, breite Band des Rowumabettes mit seinen zahllosen Inseln, seinen riesigen Sandbänken und seiner jetzt recht schmalen Wasserader. Anscheinend sehr nahe, und doch erst in mehrstündigem Marsch zu erreichen, sodann das rechte Ufer des Stromes, hier flach, nur
stellenweise bewaldet, doch in schönster Weise verziert durch den silbernen Spiegel des Nangadi-Sees, der sich, abgeschnürt durch den im Lauf der Zeit immer höher gelagerten Rowuma, grün umsäumt und breit und behaglich in eine Bucht des Mawiaplateaus einlagert. Dahinter die dunkle Linie dieses Mawia- plateaus selbst, das, von genau derselben geologischen Formation und von denselben geographischen Eigenschaften wie das Makondeplateau, wie mit dem Messer abgeschnitten daliegt. Über dem Allen aber dann ein Himmel, der in sämtlichen Farben des Spektrums strahlte und den mit Worten zu beschreiben unmöglich ist (Taf. 50 Abb. 2).
Die Borna von Ntschitschira ist strategisch entschieden nicht ohne Bedeutung. Sorgenvoll blickten die Eingebornen nach Südosten hinüber über das Rowumatal und hinauf zu den Höhen des Mawia- plateaus. Dort sitzt Machemba, bis vor einem Jahrzehnt einer unserer gefährlichsten Gegner im ganzen Süden, ein Mann, der nach der Ansicht von Landeskennern auch heute nur noch darauf wartet, von neuem räuberisch in unser Gebiet einzubrechen. Gegen ihn richtet sich die Befestigungsanlage in erster Linie, in zweiter gegen die Mawia. Ich muß gestehen, ich hätte aus wissenschaftlichem Interesse sehr gern eine Berührung mit diesem noch ganz unbekannten Volke gehabt, aber das ist mir nicht geglückt; sie kommen jetzt auch gar zu selten noch aufs linke Rowumaufer herüber. In früherer Zeit und noch bis vor kurzem ist dem allerdings anders gewesen; da hat dieses Volk es als sein natürliches Recht betrachtet, auf dem deutschen Gebiet zu rauben und zu stehlen, was und wo es konnte.
Über die geographische Gestaltung des Landes in der Umgebung von Mahuta will ich mich erst später äußern. Geht man über diesen Kultur- und Verwaltungsmittelpunkt des Makondegebiets nach Südosten hinaus in der Richtung auf Ntschitschira zu, so zieht sich der Weg zunächst noch einige Stunden zwischen demselben dichten, hohen Busch dahin, der für den ganzen Westen des Plateaus so charakteristisch ist. Zwar ist der Weg geneigt, aber die Senkung erfolgt zunächst außerordentlich langsam. Dann kommt eine Zone noch wenig berührten Hochwaldes, ein Zeichen der geringeren Besiedelungsdichte. Plötzlich fällt dann der Pfad steil ab, und eben so plötzlich sieht der Wanderer sich einer weiten, offenen, grünen Fläche gegenüber. Es ist eine natürliche Depression im Rahmen des sonst ganz gleichmäßig nach Osten und Süden geneigten Hochlandes. Die Senke ist das natürliche Sammelbecken für die ober- und unterirdischen Wasseradern der gesamten