Druckschrift 
Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten Deutsch-Ostafrikas ; mit 63 Bildertafeln, 1 Karte und einer Beilabge in Faarbendruck / von Karl Weule
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großes technisches Geschick, das besonders der den Naturvölkern Fernstehende gerade dem Neger zuzu­trauen kaum geneigt sein möchte; fernerhin eine be­merkenswerte Mannigfaltigkeit, die mit der hier ge­gebenen Skizze bei weitem nicht erschöpft ist; schließ­lich eine außerordentliche Vertrautheit mit dem Cha­rakter und der Lebensweise der verschiedenen Wild­arten. Der Neger gilt uns vorwiegend als der zünftige Ackerbauer, als der Besitzer und Begründer des Hack­baus in seiner durchgebildetsten Form; daß er gleich­zeitig auch ein so gewitzigter Jäger ist, weiß selbst die Völkerkunde viel zu wenio: zu würdigen. Für

diesen Zug im Wesen des Afrikaners haben wir hier einen vollgültigen Beweis; gleichzeitig wird uns durch die Mannigfaltigkeit und den Reichtum an Nach­stellungsmitteln für die umgebende Tierwelt sehr deut­lich vor Augen geführt, daß der Neger trotz seines uralten Feldbaues doch noch immer mit der ihn um­gebenden Natur in engstem Zusammenhang steht, und daß er sehr wohl befähigt ist, die materielle Basis seines Daseins angemessen zu verbreitern. In welcher Weise sich dieser innige Zusammenhang mit der Natur in seiner Kunst betätigt, werden wir später sehen.

Spielzeug und Spiele.

Von allen Gebrauchsgegenständen der Natur­völker ist nach meinen Erfahrungen nichts so schwie­rig zu sammeln wie alles das, was zum Spiel gebraucht wird; man muß in jedem einzelnen Fall erst die Auf­merksamkeit der Leute auf diese Dinge lenken. Zu einem Teil mag das daher rühren, daß es der Forscher für gewöhnlich mit Erwachsenen und nicht mit den Kindern, den eigentlichen Eigentümern dieser Dinge, zu tun hat; zum andern kommt es auch daher, daß, genau wie bei uns, jedes Spiel seine Zeit und auch seine Jahreszeit hat. Wie in Deutschland der Kreisel im ersten Frühling, der Drache im Herbst sichtbar wird, so ist es auch bei den Kindern der Natur; für die Regenzeit sind zum Zeitvertreib andere Dinge geeignet als für die Trockenzeit.

Auf den kulturhistorischen Wert des Studiums gerade der Spielzeuge haben bereits ältere Ethno­logen hingewiesen. In der Tat haftet im Gebrauch der Jugend so manches Jahrhundert und Jahrtausend hindurch, was bei den Erwachsenen längst als über­flüssig und unpraktisch beiseite gelegt und über den Haufen geworfen ist; unser Flitzbogen als letzter Rest der alten Bogenwaffe, unser Waldteufel als letzter Ausklang des alten Schwirrholzes sind ja Be­leg genug. Anderseits ist die Jugend in mancher Beziehung auch wieder fortschrittlicher als das Alter ; sie nimmt auf, was diesem als unnütz und zwecklos erscheint oder woran sie aus anderen Gründen achtlos vorübergeht. Gerade für diesen Charakterzug des menschlichen Kindheitsalters fand ich in meinem For­schungsgebiet ein paar recht hübsche Belege.

Einer oberflächlichen Beobachtung kann die Negerjugend leicht als gänzlich bar aller Spiele und Spielsachen erscheinen; schon Livingstone klagt vor einem Menschenalter über die sichtliche Langeweile, ja man möchte sagen die Blasiertheit, mit der

Wanjamwesikinder sich in Straße und Hof herum­drückten; nichts von Begeisterung, nichts von jener alles vergessenden Hingabe, wie sie unseren Kindern so erbeigentümlich ist. Auch Paul Reichard weist auf die gleiche Ideenarmut und den Mangel an jeder Phantasie beim Negerkinde hin; er ist gleichzeitig geneigt, diesen Mangel auf die vielbesprochene Früh­reife des Afrikaners, dem mit 6 Jahren nichts Mensch­liches mehr fremd sei, zurückzuführen.*) Im großen und ganzen kann auch ich dem Urteil der beiden genannten Reisenden zustimmen, jedoch mit der sehr wesentlichen Einschränkung, daß freilich die Aus­dauer und Hingabe beim Spiel fehlt, daß aber das Spiel und vor allen Dingen Spielzeug in nicht ein­mal geringer Fülle vorhanden ist. Was die Beob­achtung und die Feststellung dieses Spielbesitzes er­schwert, ist ein Umstand, auf den sicherlich mancher frühere Forscher nicht geachtet hat, auf den auch ich erst im Laufe meiner Reise durch die Ungunst der Umstände gestoßen wurde, und den man späteren Forschern gar nicht nachdrücklich genug als An­regung mitgeben kann: man muß nach allen Arten von Spielzeugen, die Gemein­besitz der Menschheit sind, direkt fragen, selbst auf die Gefahr eines negativen Er­gebnisses hin. Unter den zahlreichen ethnographi­schen Gegenständen, die mir von allen Seiten gebracht wurden, befand sich zunächst kaum ein Spielzeug, so daß ich schon geneigt war, mich der älteren, oben genannten Ansicht anzuschließen. Erst als ich an­fing, der Reihe nach auf jede einzelne Kategorie un­serer Spielsachen hinzuweisen, auf Puppen, Kinder­waffen, Kreisel, Musik- und Lärminstrumente usw., änderte sich die Sachlage in erfreulichster Weise von Grund auf; jetzt zeigte sich, daß der Besitz der Jao,

*) P. Reichard, Deutsch-Ostafiika. Leipzig 1892. S. 357.

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