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Handbuch des Deutschtums im Auslande : nebst einem Adressbuch der deutschen Auslandsschulen / hrsg. vom Allgemeinen Deutschen Schulverein zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande
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161
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Europäische Türkei. Sprachen- und Schulverhältnisse.

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Europäische Türkei.

(E- v. Düring,Das Deutschtum in der Türkei", in Dtsch. Erde 1903, II, 170 f. Fr. Braun,Das Deutschtum in Konstantinopel", in Dtsch. Erde 1904, III, 161 s. I. Krauß,Deutsch-türkische Handelsbeziehungen seit dem Berliner Vertrag mit besonderer Berücksichtigung der Handelswege". Jena 1901, Gustav Fischer, 112 S., 2,50 Mk. Andrö Brisse,1.68 intvi'st8 clv 1^IIsing.M6 clans l'Linpirs ottvnian", likvrw äs (!oc>- Aiapnis 1902, 26. Jahrgang. Henri Bohler,1.68 intkrets kraneais 6t all6inanä8 6N Iurciui6". ()u68tion8 älvwinatniues, Paris 1903, VII, Nr. 145, S. 273-95.)

^. Sprachen- und Schulverhältnisse.

Das Deutschtum und die deutsche Sprache in der europäischen Türkei, besonders aber in Konstantinopel, haben seit dem Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sehr erhebliche Fortschritte gemacht. Eine genaue Zahl der dort lebenden Deutschen anzugeben, ist sreilich sehr schwer; nicht einmal die Reichsdeutschen sind mit Sicherheit zu ermitteln, da sehr viele zwar bereits seit Jahren ansässig sind, sich aber nicht in die Konsulatslisten haben eintragen lassen. Mau wird sie aus etwa 15 000 schätzen dürfen, wenn man die deutsch­redenden Oesterreicher, Ungarn und Schweizer hinzurechnet; 10 000 von ihnen mögen in Konstantinopel leben. Auch die übrigen sitzen hauptsächlich in den großen Städten, wie Saloniki und Adrianopel, als Kaufleute, Handwerker und Beamte.

Aber auch unter der übrigen Bevölkerung verbreitet sich das Deutsche mehr und mehr. In der Hauptstadt bedienen sich der deutschen Sprache vor allem die Juden; an der von etwa 300 Kindern besuchten Schule, welche die ^.Uia.nc6 iLi'aelits ti-ari<M86 dort unterhält, ist die Unterrichtssprache deutsch; sreilich werden ihre Zöglinge deshalb keineswegs später begeisterte Vorfechter des Deutschtums. Neuerdings machen zahlreiche armenische Familien das Deutsche zu ihrer Umgangssprache, während noch das vorige Geschlecht das Französische bevorzugte; bei der großen Bedeutung der Armenier sür den Levantehandel ist diese Wendung nicht zu unterschätzen. Auch in den Familien und im Geschästs- leben der Türken, Levantiner und Griechen gewinnt die deutsche Sprache an Boden; es gibt z. B. zahlreiche vornehme Familien in Pera, der Vorstadt von Konstantinopel, in denen die Eltern kein Wort deutsch verstehen, während die Kinder es fließend sprechen. Die Türken erlernen es hauptsächlich, um dem Unterricht der deutschen Bildungsanstalten (s. unten) folgen zu können.

Am meisten gefördert wird die Verbreitung deutschen Wesens und deutscher Sprache durch die deutschen Schulen. An erster Stelle ist hier die deutsche Realschule zu nennen, die im Mai 1868 von Deutschen und Schweizern Kon- stantinopels zunächst alsparitätische Schule" begründet ward und bald darauf, als durch den Krieg von 1870/71 das Einheitsgefühl der Deutschen im Aus­lande erstarkte, im Jahre 1873 mit der Schule der deutsch-evangelischen Ge­meinde vereinigt wurde. Unter lebhafter, opferwilliger Beteiligung der Deutschen Konstantinopels wie der Heimat wurde für sie, nachdem ein Erdbeben das in jeder Beziehung unzureichend gewordene alte Gebäude in seinen Grundvesten erschüttert hatte, ein neuer prächtiger Bau nahe der Perastraße an einem Berg­abhang nach dem Bosporus hin errichtet, der im September 1897 eingeweiht wurde. Die Anstalt erhält einen jährlichen Reichszuschuß und besteht aus einer Realschule, der nach einem Besuch des Kaisers in Konstantinopel im Jahre 1899 die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen über die Be­fähigung zum einjährig-freiwilligen Dienst im deutscheu Heere verliehen wurde, und aus einer höheren Mädchenschule nebst Elementarschule und Kindergarten. Im Jahre 1903 übernahm sie außerdem als Vorschule die im Jahre 1895 ge­gründete deutsche Schule der Anatolischen Eisenbahngesellschast in Haidar Pascha (Skutari), der Kopfstation der anatolischen Bahn' aus der asiatischen Seite

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