Hochgeehrte Versammlung!
Im Streite der Parteien und durch die Nothwendigkeit, Schlagworte für Agitation und Wahlen zu schaffen, ist die wahre Bedeutung der Kolonial- und Flottenfrage verwischt und verdunkelt und das, was dem Herzen des Volks am nächsten stehen sollte, demselben entfremdet worden. Beide Fragen von dem zu befreien, was Parteibedürfniss und Hader ihnen auf- und angehängt haben und zu versuchen, sie in ihrer wahren, einfachen Bedeutung darzustellen, ist die Aufgabe, die ich heute zu lösen versuchen will.
Zu allen Zeiten und überall ist eine erfolgreiche Kolonialpolitik ein Beweis für das Vorhandensein gesunder, der Ausdehnung bedürftigen und fähigen Kräfte im Mutterlande gewesen. Wie bei der Auswanderung, mögen diesem Bedürfniss nach der einen oder anderen Richtung hin unbefriedigende Zustände in der Heimath zu Grunde gelegen haben, aber während der Auswanderer in jedem Falle derselben verloren geht, bringt der Kolonist ihr Zuwachs an Gebiet, Finfluss und Macht. Darum fällt eine kräftige Fntwicklung kolonialer Thätigkeit auch fast immer mit der Frreichung des politischen Höhepunktes seitens des Mutterlandes zusammen, und wo dies manchmal nicht der Fall gewesen ist, zeigt sie wenigstens immer das Vorhandensein gesunder Kräfte in dem kranken Körper an. Die Geschichte aller Zeiten und Völker liefert uns dafür überzeugende Beispiele.
Beinah tausend Jahre vor Christi Geburt finden wir die Phönicicr ihre Kolonien aussenden, die sich von Thracien über Sicilien, Sardinien und die Balearischen Inseln, sowie längs der Nordküste Afrikas bis nach Spanien ausdehnen. Gades, die westlichste dieser Kolonien, jenseits der Säulen des Herkules, besteht noch heute als Cadix, und die achtzig Tage Seefahrt, die es unter günstigen Bedingungen von Tyrus trennten, hatten keine Schrecken für die phönicischen Schiffer. Carthago, das dem älteren Utica gegenüber am Golf von Tunis gegründet wurde, erfüllte mit seinen Kämpfen und seinem Ruhme die mittelländische Welt, bis es dem grösseren Rom erlag. Nach den Phöniciern kamen die Griechen, deren Kolonien