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West-Afrika / von Moritz Schanz
Entstehung
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lich war, so lvnrden die nunmehr isolierten Völkertrümmer bis zur Entdeckerzeit in ihren ursprünglichen Zuständen bewahrt. Die Gncmchen auf Teneriffa, Reste der blonden Libyer, staudeu bei ihrem ersteu Zusammentreffen mit Europäern noch vollkommen auf der Stufe der Steiuzeit, kcmnteu nur die Hackkultur, nicht den Pflug, uud züchteteu Schafe und Ziegen.

Die im Jahre 1897 mit 334000 Seelen angegebene Bevölkerung ist eiu Gemisch von Spaniern mit Gncmchen, normänuischcn, flandrischen und arabischen Einwanderern, sodaß uirgeuds Individuen irgend einer Rasse rein vorkommen, doch herrscht die weiße Farbe durchweg uud uur auf Grau Cauaria giebt es ewige Negerdörfer. Die Kanarier sind im allgemeinen Muster vou Rechtschaffen- heit, Treue, Ehrgefühl, Mäßigkeit und Zuverlässigkeit, arbeitsam, voll Pietät für das Alter uud unbegrenzter Gastfreundschaft. Auch ihre uatürlichc Begabuug ist groß. Für die höheren Stände bestehen gute Schulen, dagegen ist die all­gemeine Volksbildung so gering, daß im Jahre 1887 80°/g der Bevölkerung nicht lesen konnten. Eine starke Auswanderung verhindert einen nennenswerten Volks- znwachs.

Hauptbeschäftigung bilden Ackerbau, Viehzucht uud Schiffahrt, doch herrscht im allgemeinen Armut, da große Majorate bestehen, die Felder meist von Pächtern bebaut und schwere Steuern erhoben werden. Früher war Wein, der Kanariensekt, eins der Hauptprodukte der Jnfeln, doch vernichtete seit 1852 die Tranbenkrankheit den Weinbau fast vollständig und erst feit 1870 hat man ihn wieder aufgenommen. Auch die früher blühende Kochenillezucht ist stark zurückgegangen. Bedeutend dagegen ist der Anbau vou Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln, die uach Westindieu ausgeführt werden, und vou Weizeu, Gerste, Roggen, Mais, Bataten, Tabak und Kaffee. Freilich werden die Ernten hin und wieder stark durch Henschreckenschwärme geschädigt, welche vom afrikanischen Fest­land her einfallen. Auch die Soda liefernde Barillo lNesembr^antlikmum erMa,Mnnm), sowie Manlbeerbäume für Seidenraupenzucht werden angepflanzt, doch ist uur eiu Fünftel des Bodens überhaupt anbaufähig.

Der Handel liegt meist in englischen Händen und hat sich sehr gehoben, seitdem die Inseln im Jahre 1852, Ferro ausgenommen, zu Freihäfen erklärt wurden; mit Ausnahme einiger Genuß- und Reizmittel sind alle ein- und cins- gefnhrten Waren abgabenfrei und nur Tabak bleibt eiuer besonderen Besteuerung unterworfen. Zwischen den einzelnen Inseln besteht ein reger Segler-Verkehr nnd spanische, deutsche, englische und französische Dampfer sorgen für regelmäßige und häufige Verbindung mit Europa und der Westküste Afrikas einerseits, mit Mittel- und Südamerika andererseits; ein Kabel verbindet Teneriffa mit Cadiz und Dakar. Die befestigten Haupthäsen sind Santa Cruz de Teneriffa nnd Las Palmas und au dieseu beiden Orten ist auch Deutfchlaud konsularisch vertreten. Die Ausfuhrwerte wieseu im Jahre 1895 auf: 545000 Cochenille im Werte von 1883000 Mark, Wein 667000, Branntwein 300000 Mark, ferner altein