Der Zustand der Wolgakolonien vor dein Wellkriege
Rückwanderer von der Wolga ist jedoch in größern oder kleinern landwirtschaftlichen Betrieben untergebracht worden. Übrigens sind auch Versuche mit der Ansiedlung von Wolgabauern am Kilimandscharo gemacht worden. Ein endgültiges Urteil über ihre Bewahrung war bis zum Kriege nicht möglich, doch entsprachen Arbeitsbedingungen und Klima dem, was sie von Jugend auf gewöhnt waren. Einwandfrei festgestellt sind dagegen die Erfolge, die einige kurländische Großgrundbesitzer mit der Ansiedlung von Kolonisten auf ihrem Grund und Boden erzielt Habens.
Viertes Kapitel
Der Zustand der Wolgakolonien vor dem Weltkriege
In die Kolonien selbst ist durch die Auswanderungsbewegung viel Unruhe gebracht worden. Je mehr aus einem Dorf in der Fremde ihr Glück gemacht oder wenigstens ein Auskommen gefunden hatten, desto größer wurde bei den Zurückgebliebenen die Neigung, ihnen zu folgen. Jeder Brief aus Amerika gab der Wanderlust neue Nahrung, regte die Phantasie an und bot den Nachbarn, ja dem ganzen Dorfe Gelegenheit, die wichtige Frage neu durchzusprechen. Und die Zahl dieser Briefe war nicht gering. Schon im Jahre 1877 konnte es vorkommen, daß in einem einzigen Post- beutel zu Norm fünfzig Briefe aus Amerika zu finden waren^). So ist es kein Wunder, daß zeitweise fast alljährlich sich aus den größern Kolonien neue Gruppen auf die Wanderschaft begaben. Von Galka aus haben zum Beispiel in den Jahren 1875,1886,1889,1891,1899,1900,1907 Auswanderungen stattgefunden. Die größten davon in den Jahren 1836 und 1891, jene veranlaßt durch die Furcht vor der Militärpflicht, diese durch die Mißernte. Wenn die Auswanderungsbewegung nicht noch größern Umfang angenommen hat, so ist der wichtigste Grund dafür zweifellos in dem Anspruch auf Landanteil, den die männliche Seele hat, zu suchen. Irgendeine Erschwerung der Auswanderung durch die Gemeinde fiel ursprünglich nicht vor. Die Beschaffung eines einfachen Auslandpasses genügte. Fand aber eine der periodischen Landumteilungen statt und der Ausgewanderte fehlte, so galt er als verschollen, sein Land verfiel der Gemeinde. War er zur Stelle, so bekam er seinen Anteil, den er nun verpachten konnte. Mancher ist nur zu diesem Zweck für kurze Zeit wieder in die Heimat zurückgekehrt. Diese beständige Inanspruchnahme des Gemeindelandes durch Leute, die längst nicht mehr zur Gemeinde gehörten, erschien bei der Knappheit des zur Verfügung stehenden Bodens ungerecht. Man suchte ein Abhilfemittel und fand es in der alten Bestimmung, daß, wer eine Kolonie verlassen wollte, dies nur tun dürfe auf Grund eines Gemeindebeschlusses,
Siehe Broedrich-Kurmahlen, Kolonisationsmöglichkeiten im Ostseegebiet Rußland? nnd in Litauen (Archiv f. innere Kolon. VII, S. 276—289). Hier handelt es sich freilich nur um südrussische, nicht um Wolgadeutsche. Sehr bemerkenswert ist die Begründung dieses Ansiedluugsversuches mit der Hoffnung, „daß das baltische Land dem Deutschen Reich begehrenswert erscheinen würde, wenn dort ein kraftvoller deutscher Bauernstand das feste Fundament nationaler Krast würde".
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