Der Niedergang der Wolgakolomen
Drittes Kapitel
Die Auswanderungsbewegung
Es ist klar, daß, je unerfreulicher die wirtschaftlichen Verhältnisse wurden, desto stärker auch die alte Wanderlust der Kolonisten sich bemerkbar machte. In vielen unter ihnen steckte doch noch etwas von der Unrast der Väter, die erst an der Wolga den Begriff der Bodenständigkeit kennen gelernt hatten. Und als nun Mißernte auf Mißernte folgte, als alle die Vorzüge, die den Kolonisten vor andern auszeichneten und die doch schließlich an der Scholle hafteten, die er bebaute, hinwegfielen, da hat es für viele kein Halten mehr gegeben. Besonders die Einführung der Dienstpflicht bedeutete einen mächtigen Anstoß in dieser Richtung, und nicht etwa nur für die Mennoniten. Seit der Mitte der siebziger Jahre setzt eine Auswanderungsbewegung ein, die bis jetzt im allgemeinen nur stärker geworden ist. Zum ersten Male richtet sich seither der Strom aus den Grenzen Rußlands hinaus. Die Regierung tat nichts dafür und nichts dagegen. Während sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch ängstlich darauf bedacht war, keinen Untertan zu verlieren, erschien es den nationalistischen Hetzern bald erstrebenswert, möglichst viel Deutsche über die Grenzen abzuschieben. Wenn ein Druck in dieser Beziehung auch zunächst nur auf die deutschen Ansiedler in Wol- hynien und in den andern Gouvernements der Westgrenze ausgeübt wurde, so sprach im Jahre 1888 der russische Minister des Innern Turnowo ganz unverblümt von Maßregeln, die „sich auf die vollständige Befreiung Rußlands vom ausländischen Element richten müssen", und begründete diese Absicht ausdrücklich damit, die Wolgakolonien hätten den Beweis geliefert, „daß ihre Isolierung sich keiner Gegenwirkung füge". Trotzdem hat die Regierung in die Auswanderungsbewegung eigentlich nur insofern eingegriffen, als sie in neuester Zeit den Wolgakolonisten als erwünschtestes Ziel Sibirien hinzustellen sich bemüht hat. In der Tat sind dort eine ganze Reihe deutscher Kolonien von der Wolga aus begründet worden. Zehn Kolonien bei Omsk zählten 1910 zusammen 3804 Einwohner, zwei bei Akmolinsk waren 1743 Seelen stark. So sind schließlich doch noch die Urenkel in jene Gegenden gekommen, die ursprünglich schon für die Vor» Väter in Aussicht genommen waren.
Allein der Hauptstrom der Auswanderer ist, wie gesagt, über die Grenze gegangen. Die Ziele haben gewechselt. Oft ist es ein Zufall gewesen, der eine Familie irgendwohin führte. Nicht lange hat es gedauert, so folgten andre nach, bis schließlich ein neues Dorf jenseits des Ozeans erwuchs, dessen Bewohner auch an der Wolga Dorfnachbarn gewesen waren. Zuerst, in den siebziger Jahren, wurde Brasilien bevorzugt. Allein gerade hier war der Erfolg wenig erfreulich. Der ganze Dünkel der Kolonisten, der damals noch nicht durch die Not herabgeschraubt war, ihr unleidliches Besserwissen, das alles für unübertrefflich hielt, was an der Wolga Brauch gewesen, machte sich hier bemerkbar, wo nicht eine überlegene Kultur sie eines Bessern belehrte. Spöttisch lehnten sie das Land, das ihnen zugedacht war, ab. Steppe wollten sie haben, wie sie es in der Heimat ge-
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