Der Niedergang der Wolgakolvmen
strengsten unter ihnen erschien freilich auch das nur als ein verkappter Heeresdienst. Sie meinten ihn mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren zu können und wanderten lieber aus. Die meisten Saratowschen und alle Samaraschen Mennoniten jedoch haben die Bedingungen der Regierung angenommen.
So gehörte die Sonderstellung der Kolonien nunmehr der Vergangenheit an. Daß mit der Aufhebung des Kontors im Jahre 1876 der letzte Schein davon schwand, vermochte nichts mehr zu bedeuten. Es mußte sich nun zeigen, ob die Wirtschaftskraft der Kolonien stark genug war, auch unter den völlig veränderten Bedingungen eine gedeihliche Weiterentwicklung zustande zu bringen.
Zweites Kapitel
Die wirtschaftliche Katastrophe
Das Unglück wollte es, daß die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gerade in dieser Zeit schwerster Erschütterungen auf eine gar zu harte Probe gestellt wurde. Fehlernten sind, wie wir sahen, in den Kolonien stets vorgekommen. Aber ihre Bedeutung wuchs „mit zunehmender Körnerproduktion und abnehmendem Vorrate jungfräulichen oder lange ruhenden Bodens"^). Und seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen sich die Mißernten in den Wolgakolonien in verhängnisvollster Weise zu drängen. Ungewöhnliche, jahrelang sich wiederholende Dürre trägt die Schuld daran. Denn alle Wolgakolonien haben gleichmäßig darunter gelitten, Berg- und Wiesenseite, Alt- und Neukolonien, die Anhänger altertümlicher Raubwirtschaft so sehr wie die Mennoniten, die alle Regeln moderner Landwirtschaft befolgten. Nur daß diese sich schneller wieder emporarbeiten konnten, weil sie sofort aus der Heimat eine so reichliche Unterstützung empfingen, daß die kleine Schar nicht lange Not zu leiden brauchte. Auch die evangelischen Kolonien haben Hilfe erhalten, in den ersten Notjahren 1879 und 1880 namentlich aus den Ostseeprovinzen und Petersburg. Auch die Unterstützungskasse für evangelisch-lutherische Gemeinden griff ein und gewährte Pastoren und Küstern Unterstützungen und Darlehen für sich und ihre Gemeinden. Das „Evangelische Feldlazarett" hatte mit großem Erfolg Sammlungen in die Wege geleitet. Auch die katholische Kirche tat, was sie konnte. Im Saratower Kirchenhause fanden dauernd Speisungen Armer statt, 4000 Rubel wurden zur Linderung der Not in die Kolonien geschickt. Trotz aller Hilfe sind doch allein durch jene zwei Unglücksjahre wohlhabende Kolonien gänzlich verarmt. Und wehe denjenigen, die sich in ihrer Verzweiflung in die Hand von Wucherern begeben hatten! Wer nicht mehr als dreißig Prozent zu zahlen brauchte, konnte von Glück sagen.
Hatte das neunte Jahrzehnt schlimm begonnen, so endete es noch weit schlimmer. Die Jahre 1889 bis 1892 sind die furchtbarsten, die den Kolonien seit der ersten Zeit der Gründung beschieden waren. Sie hätten den
A. Borchardt, Aus dem östlichen Hinterland usw., S. 58.
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