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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Die Blütezeit der Kolonien

Ordnung zu schaffen. Zu einer Beeinflussung der wirtschaftlichen Leistungs­fähigkeit der Katholiken war es zu spät. In den besten Jahren der Wolga­kolonien hatten die evangelischen einen beträchtlichen Vorsprung erreicht.

Sechstes Kapitel

Das Volksleben

Dem Einfluß der Kirche, der gleichmäßigen Verwaltung und vor allem natürlich der allen gemeinsamen Beschäftigung mit der Landwirtschaft, in der sich die Interessen aller fast völlig erschöpften, ist es zuzuschreiben, wenn sich schon im Laufe eines halben Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Kindern so vieler deutscher Stämme fast völlig ausgeglichen haben. Wie zwischen evangelischem und reformiertem Bekenntnis ohne alle behördlichen Maßnahmen die Verschiedenheit so geringfügig geworden war, daß es einem lutherischen Pastor geschehen konnte, erst nach seinem Amtsantritt die unerwartete Entdeckung zu machen, daß die Gemeinde, die ihn selbst gewählt hatte, sich dem reformierten Bekenntnis zurechnete, so verwischten sich allmählich die Stammeseigentümlichkeiten in Mundart, Sitten und Gebräuchen. Es entstand ein Mischidiom, das Kolonisten­deutsch, in dem das Hessische überwog. Allerlei Sonderbarkeiten sind dabei zustande gekommen, die uns heute seltsam genug klingen und leicht zu Miß­verständnissen Anlaß bieten mögen. Niemand würde angenehm berührt sein, wenn es von ihm heißt, erführt ein ausschweifendes Leben". Ein leiser Tadel liegt ja freilich darin. Aber der Sinn ist harmlos genug: er geht gern spazieren. Ein Lob ist es gar, wenn etwa vom Pastor gesagt wird, er sei einarg weltlicher Herr"; denn man rühmt ihm damit nach, daß er im Umgang mit einfachen Leuten sehr freundlich ist. Mancherlei aus der russischen Sprache ist natürlich im Lauf der Zeit in das Kolonistendeutsch eingedrungen. Abgesehen von amtlichen Bezeichnungen sind es namentlich solche Worte, die beim Verkehr mit den Russen unvermeidlich waren, etwa die Grußform ^trastse^ (guten Tag) und ähnliches. Auffallender ist, daß die Kolonisten, auch im Verkehr untereinander, zur Anwendung der russi­schen Anrede (Vorname mit Vatersname) übergegangen sind, häufig unter vollkommener Verdrehung der deutschen Namen. Dagegen hatte man noch treu erhalten, was an Fabeln und Märchen, Sagen und Volks­liedern einst aus Deutschland in die Fremde mitgenommen war. Volks­bräuche, bei uns längst verschwunden, waren dort bis vor wenigen Jahr­zehnten noch im Schwange oder sind es gar noch gegenwärtig. Andre haben russische oder kirgisische Elemente in sich aufgenommen und sind dadurch neu geworden^). Am eigentümlichsten ist in dieser Beziehung alles, was mit der Hochzeit in Zusammenhang steht. Daß einer sich mit Freiersgedanken trägt, ist zuerst zu merken an seinem Pferd. Er füttert es reichlich vom Herbst an, um im Frühjahr die Braut stattlich fahren zu

^) Es würde eine lohnende Aufgabe sein, die Volksbräuche der Wolgakolonisten auf ihren Ursprung zurüZzuverfolgen. Vgl. die folgende Anmerkung.

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