Sareptas Blüte und Niedergang
vorkam, streitende Paare vor ihm erschienen, um sich scheiden zu lassen, so Pflegte er ruhig jeden seine Klagen vorbringen zu lassen, und dann, da meistens beide Teile schuldig waren, ihnen eine gehörige Tracht Hiebe zu verabreichen. Damit war der Fall meistens erledigt. Jedenfalls erwies sich der Stock des kräftigen Pfarrherrn von Norka wirksamer für die Einschränkung der Ehescheidungen als alle wohlgemeinten Mahnungen des fernen Konsistoriums.
Von der Wirksamkeit der übrigen Pfarrer der ersten Zeit ist uns keine Kunde geworden. Zweifellos sind auch unter ihnen manche ungeeignete Elemente gewesen. Noch in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts hören wir Klagen, daß einzelne Pastoren der Trunksucht anheimgefallen sind^). Vermutlich handelte es sich dabei um solche, die in der Heimat unmöglich geworden waren und in den neuen Ansiedlungen fern von der Überwachung durch eine geistliche Behörde einen Unterschlupf gesucht und gefunden haben. Allein das waren Ausnahmeerscheinungen. Viel wichtiger war, daß sich die Kolonisten von vornherein daran gewöhnten, in ihren Pfarrern die unbedingte Autorität nicht nur in geistlichen Dingen, sondern auch in allen Angelegenheiten des irdischen Lebens, des einzelnen so gut wie der Gemeinden, zu erblicken. Diese autoritative Stellung der Pastoren hat sich zum Segen der Kolonien von Anbeginn bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, teilweise bis zur Gegenwart, erhalten.
Gewiß haben sich auch unter den Ansiedlern selbst Männer gefunden, die den andern Führer auf dem Wege zur Besserung der wirtschaftlichen und sittlichen Verhältnisse geworden sind. Genannt werden uns nur der Kolonist Risch, der die Gewinnung von Brennmaterialien aus Mist zur Schonung des arg zusammengeschrumpften Baumbestandes in Vorschlag brachte, und Joh. Phil. Reiter aus Mensingen am Rhein, der den heimatlichen Rebstock an die Wolga zu verpflanzen suchte. Von manchem Dorf berichten schon die ersten Reisenden, die die Kolonien besuchten^ daß es auf den ersten Anblick Zeugnis ablegte für die sorgsame Verwaltung eines tüchtigen Vorstehers.
Drittes Kapitels
Sareptas Vlüte und Niedergang
Auffallend groß ist die Zahl der Reisenden, die seit der Jahrhundertwende die deutschen Kolonien an der Wolga besucht haben. Nicht alle haben sich die Zeit genommen, die dortigen Verhältnisse eingehender zu studieren. Die meisten erzählen, was der flüchtige Blick vom Wagen aus oder bei nächtlicher Herberge sie hat sehen lassen. Aber auch diejenigen unter ihnen, die es an Kritik von Einzelheiten nicht fehlen lassen, wissen viel Rühmenswertes von dem Gesamteindruck zu berichten, den die jungen deutschen Siedlungen auf sie machten. Natürlich legen sie stets den Maß-
Sammlungen usw. 1808, S. 254. Vgl. Züge II, S.71, wo ein Pastor Pohlmann als besonderer Verehrer des Branntweins geschildert wird.