Die sittliche Erneuerung unter geistlichem Einfluß
Zukunft daraus erwachsen konnten. Und ihn darf man von den unerfahrenen und ungebildeten Kolonisten nicht erwarten.
Ein Mißstand, den die Einführung des Mir zur Folge hatte, machte fich freilich sofort unangenehm bemerkbar. Da jede „Seele" in drei Gruppen Land ihren Anteil zu beanspruchen hatte und die einzelnen Anteile durch das Los bestimmt wurden, lagen sie oft weit voneinander getrennt. Dazu kommt die schon erwähnte Entfernung eines großen Teils der Ackerfläche vom Dorf. So ist Landarbeit mit abendlicher Heimkehr ausgeschlossen. Zu Beginn der Feldbestellung und der Ernte müssen die Arbeitskräfte jeder Familie das Dorf verlassen und mit Sack und Pack auf mehrere Wochen hinausziehen aufs Feld. Von Anteil zu Anteil schiebt sich die Karawane weiter. Manche Familie hat auf die.se Weise zweimal jährlich fünfzig bis sechzig Werst zurückzulegen. Eine ungeheuerliche Verschwendung von Arbeitskraft, durchführbar nur infolge der gleichmäßigen Witterung jener Gegend, die keine Unterbrechung der Arbeit nötig macht.
Diese unrationelle Arbeitsweise hat das Aufblühen der Kolonien, das mit der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert einsetzte, nicht zu hindern vermocht. Der beste Beweis, daß man mit der Einführung des Mir das Richtige getroffen hatte. Allein alle Wirtschaftsreformen wären vergeblich gewesen, wenn nicht in den innern Verhältnissen der Kolonien sich ein gründlicher Umschwung zum bessern vollzogen hätte. Es war eine neue Generation herangewachsen, festgewurzelt in der neuen Heimat und durch die Not zu harter, aber auch segensreicher Arbeit erzöget:. Die Kolonialgesetzgebung der Regierung hatte die Grundlage gelegt für die Entwicklung der neuen Ansiedlungen, die Wirtschafts- und Verwaltungsreform hatte die Möglichkeit des Wachstums geschaffen, aber erst der Einzug eines ueuen Geistes in die Schar der Ansiedler hat den Erfolg des ganzen Werkes gezeitigt.
Zweites Kapitel
Die sittliche Erneuerung unter geistlichem Einfluß
Fragen wir nach den Gründen dieser innern Wandlung, die die deutschen Kolonisten in den ersten Jahrzehnten ihres Lebens in der neuen Heimat durchgemacht habet:, so ist in erster Linie der bittre Zwang der Not zu nennen. Abgeschnitten von jeder Verbindung mit dem Vaterland, aus dem vielleicht Hilfe in der bittersten Bedrängnis zu erwarten war, ganz auf sich selbst und ihrer eigenen Hände Werke gestellt, haben sie notgedrungen das Arbeitet: gelernt. Wo alle Mittel, mit denen die zweifelhafte:: Elemente unter ihnen auf Kosten ihrer Mitmenschen ein Parasitendasein zu führen gewohnt waren, versagte::, wo es keine Wohlhabenden gab, von deren Überfluß der Arme sein Leben notdürftig, aber doch bequem fristen konnte, da mußte der unzerstörbare Drang zum Leben auch die Faulsten auf die einzige Möglichkeit, die Bedürfnisse des Leibes zu fristen, auf die Bearbeitung des zugewiesenen Ackerbodens hinführen. Das schreckliche Ende des letzten Versuchs, sich durch Abwanderung in reichere Gegenden diesem Zwang zu entziehen, ist für die Überlebenden entscheidend geworden. Daß gerade
53