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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Die Gründung der Wvlgarolonien

Jahre nur für 250 Höfe Balken und Bretter geliefert worden. Für weitere 1516 Familien, die nach Saratow unterwegs waren, wurden im Frühjahr 1766 erst die Lieferungsverträge zur Beschaffung von Bauholz abgeschlossen. So dauerte es noch ein ganzes Jahr bis zur Ankunft der verheißenen Bau­meister. Man behalf sich anfänglich mit Zelten aus Wagenleinwand und zimmerte rohe Holzhäuser, die mit Strauchwerk und Erde bedeckt wurden^). Aber als der Winter kam, reichten die primitiven Wohnungen nicht aus. Benachbarte Russen bauten den Fremdlingen Erdlöcher, sogenannte Sim- linken, in denen drei bis vier Familien hausten, zusammengedrängt um den wärmenden Herd, dessen Qualm den engen Raum zu eiuem : nleidlichen Aufenthalt machte. Die Baumeister ließen sich ihre Kunstwerke teuer be­zahlen und stahlen außerdem noch die Pferde, deren man zur Herbeischaf­fung von Lebensmitteln dringend bedürfte. Getrocknete Fische, von den Russeu für teures Geld erstanden, bildeten fast die einzige Nahrung. So war es vorläufig nur ein geringer Trost, als man beim Graben entdeckte, daß der Boden so übel nicht zu sein schien, wie man im ersten Augenblick geglaubt hatte. Wenn man ihn nur zu bearbeiten verstanden hätte! Aber wie sollten Handwerker, Künstler, Gelehrte und Kaufleute imstande sein, unter solch schwierigen Verhältnissen eine Bauernsiedlung aus dem Nichts zu schaffen? Zumal die meisten von ihnen das vorgeschossene Kapital bei dem allzu langen Aufenthalt in Saratow zum größte» Teil vergeudet oder durch Diebstahl verloren hatten. Auch mit den zwei Stück Rindvieh, die auf jede Familie entfallen waren, ließ sick eine geregelte Landwirtschaft nicht beginnen.

Viertes Kapitel

Die Jahre der Not

Es ist nicht etwa ein Ausnahmezustand, der uns hier geschildert wird. Zahlreiche Bemerkungen in Briefen und spätere Berichte solcher, die von Anfang an dabei gewesen sind, geben fast überall das gleiche Bild. Ver­säumnisse der verantwortlichen Behörden tragen zweifellos die Hauptschuld an den traurigen Verhältnissen der Gründungszeit. Aber auch an offen­baren Schikanen gegen besser gestellte Ansiedler fehlte es nicht. Unter denen, die das Glück hatten, wirklich fertige Wohnungen und Einrichtungen vorzufinden, waren mehrere in der Lage, die Höfe mit Zubehör sogleich käuflich zu erwerben. Obwohl das Manifest in seinem Paragraph 6 un­zweideutig jede Befreiung der Ansiedler von jeder Art Steuer angeordnet hatte, verlangte nun die Saratower Woiwodenkanzlei von ihnen die Ab­gabe, die nach russischem Recht beim Erwerb von Grundbesitz zu entrichte:: war. Es blieb den Ansiedlern nichts übrig, als eine Abordnung nach Peters­burg zu entsenden, um dort ihre Beschwerde persönlich vorzutragen. Graf

^) Lauberhütten nennt sie der treffliche Cataneo in seinem lesenswerten Büchlein S. 121, wo überhaupt eine anschauliche Schilderung der ersten Jahre der Ansiedlung und ihrer Nöte gegeben wird.

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