I, Abschnitt
Die Gründung der Wolgakolonien (1792-1796)
Erstes Kapitel
Die Vorbereitungen zur Kolonisation
Mit Katharina II. beginnt die zweite Epoche in der „Europäisierung Rußlands", wie man die Bestrebungen, der westlichen Kultur in Rußland Eingang zu verschaffen, kurz uud Zutreffend genannt hat. Aber während Peter der Große den ersten Abschnitt jener Bestrebungen begonnen hatte mit der Herstellung direkter Beziehungen zu Mitte und Westen Europas und vor allem die Einwanderung deutscher Handwerker, Kaufleute und Gelehrter zu befördern suchte, faßte Katharina von vornherein die Gewinnung deutscher Bauern und die Begründung geschlossener agrarischer Siedlungen ins Auge, die als Kulturträger unbebaute Gebiete urbar machen und zugleich durch ihre fortgeschrittenere Wirtschaftsweise Vorbild und Ansporn für die russische Landwirtschaft werden sollten. Bereits als Großfürstin hatte sie eine Mehrung der Bevölkerung des russischen Reiches für notwendig erkannt, wenn anders ein einheitlicher Staat daraus werden sollte. Sie hatte sich unter diesem Gesichtspunkt sogar gegen eine Christianisierung ihrer nichtchristlichen Untertanen ausgesprochen, weil die Vielweiberei nützlich für die Mehrung der Bevölkerung sei^). Mit der ihr eigenen Energie ging sie unmittelbar nach ihrer Thronbesteigung an die Ausführung ihres Gedankens. Ein Ukas an deu Senat vom 14. Oktober 1762 erteilte diesem „ein für allemal die Erlaubnis, den Gesetzen gemäß und nach Vereinbarung mit dem Kollegium der auswärtigen Angelegenheiten — denn dies ist eine politische Angelegenheit — in Zukuuft alle aufzunehmen, welche sich in Rußland niederlassen wollen, ausgenommen Juden" 2). Noch nicht zwei Monate später erging bereits ein Manifest, das alle Ausländer zur Einwanderung aufforderte Es sollte „in allen Sprachen veröffentlicht und in allen ausländischen Zeitungen abgedruckt werdeu" Gleichzeitig wurde eine Organisation der Einwanderung in
1) Sbornik VII, 85. Danach Bilbassow, Katharina II. II, 1, S. 277.
2) Eb. II, 2, S. 126.
2) Gesetzessammlung XVI Nr. 11720 (vom 4. XII. 1762).
4) Eb. S. 129 (eigenhändiger Befehl an den General-Prokureur Glebow). Das ist z. B. geschehen in. der Staats- und Gelehrten Zeitung des unpartheyischen Hamburgischen Cor- rssvondenten vom 15. II. 1763.
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