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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Das Ansiedlungswerk

faules Leben erhofften, das ist die Gesellschaft, die uns der wackere Geraer Zeugmachergeselle Christian Gottlieb Züge als Reisegefährten vorstellt. Wie sollte es auch anders sein, wenn man von vorherein mit der Anwerbung Mittelloser in erster Linie gerechnet hatte. Mochte es auch etwas über­trieben sein, wenn Galitzin dem kaiserlichen Vizekanzler Fürst Colloredo vorerzählte, man wolle ja nur solche Leute fortführen, die im größten Elend lebten und ihren Mitbürgern zur Last fielen, tüchtige und vor allem wirt­schaftlich selbständige Familien haben sich höchstens in ganz verschwindender Anzahl unter den Angeworbenen befunden.

Drittes Kapitel

Das Ansiedlungswerk

In Lübeck haben die meisten Auswanderer die alte Heimat verlassen. Zusammengepfercht auf den Schiffen setzten sie ihr wüstes Treiben verstärkt fort, wenn nicht die Seekrankheit sie zur Ruhe zwang. Oft dauerte die Überfahrt mehrere Wochen, weil der Schiffskapitän erst die reichen Vorräte verkaufen wollte, die er zu Wucherpreisen an seine hungrigen Passagiere abgab. Also auch hier ist es unmöglich, Ersparnisse zu machen, wie so mancher Brave unter den Auswanderern im Hinblick auf die reichlichen Reisegelder wohl gedacht hatte. Aber endlich landete man in Kronstadt, und nun begann in der Tat eine bessere Zeit für die Ankömmlinge.

Denn von nun ab kümmerte sich Katharina persönlich um ihre Lands­leute. Sie ließ sie in Oranienbaum bei Kronstadt in Kasernen unterbringen. Dort besichtigte sie persönlich ihre Schützlinges, dort leisteten diese in der lutherischen Kirche ihren Eid als Untertanen der Zarin. Hier kamen die Ansiedler auch zum erstenmal in Berührung mit den Russen. Das erste, was sie von ihnen lernten, war das Schnapstrinken auf russische Art.

Petersburg war die Durchgangsstelle für alle Einwanderer, die dem Mani­fest gefolgt waren. Wie es scheint, sind auch die Einzelpersonen und Fami­lien, die sich nicht den Sammelzügen angeschlossen hatten, von der Grenze aus hierher gewiesen worden. Schon in den ersten Tagen des Jahres 1764 erhielten einige Uhrmachermeister, die aus Berlin kamen, durch Vermittlung der Kanzlei die Erlaubnis zur Ansiedlung und Vorschüsse zur Einrichtung ihrer Werkstätten. Sie gehörten wohl zu dem kleinen Bruchteil der Ein­wanderer, der gleich im Petersburger Gebiet geblieben ist. Wie es scheint, waren es namentlich die wohlhabenderen, besseren Elemente, die vielleicht auf Veranlassung der russischen Regierung rings um die Hauptstadt einen Kranz blühender Siedlungen schufen. Peterhof, Zarskoje Sselo, Gatschina, die zarischen Residenzen, sind damals entstanden oder doch zur Bedeutung gekommen.

Der Abtransport der Kolonisten von Petersburg ist mehrfach ins Stocken

2) Braun a. a. O., S. 13, und Züge 1, S. 75. Die der Kanzlei vorgeschriebene Bereit­stellung von Wohnungen in Petersburg selbst ist also nicht erfolgt.

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