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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Die Gründung der Wolgakolonien

Zweites Kapitel

Die Gewinnung der Ansiedler

Ja ungezählten Exemplaren war der Aufruf der Zarin in ihre alte Heimat gegangen. Der ganz: Apparat der Gesandten und Residenten an den unzähligen großen und kleinen Höfen Deutschlands wurde zu seiner Verbreitung in Bewegung gesetzt, von den Vertretern beim Reichstag zu Regensburg und am kaiserlichen Hof in Wien bis herunter zu Residenten in den kleinsten Territorien. Ein Netz von Sammelplätzen unter Leitung besonderer Kommissare wurde über ganz Deutschland hin angelegt. Ka­tharina ließ es sich etwas kosten, Landsleute in ihr Reich zu ziehen. Die Großzügigkeit, die alle ihre Unternehmungen auszeichnet, tritt auch bei diesem vorteilhaft hervor. Freilich zeigten sich auch sehr bald die Mängel, an der alle russischen Unternehmungen kranken. Der beste Plan wird un­vollkommen ausgeführt, weil es dafür an geeigneten Persönlichkeiten fehlt. Noch ehe das Werk in Gang kommt, beginnen die Klagen über das unredliche russische Beamtentum, und sie ziehen sich durch die ganze Geschichte der Wolgakolonien bis auf den heutigen Tag.

Die Verbreitung des Manifestes und die Tätigkeit der russischen Re­gierungsvertreter haben offenbar nicht den zahlenmäßigen Erfolg gezeitigt, den man sich in Petersburg versprochen hatte. Wohl hat die Einwanderung' bereits im Jahre 1764 eingesetzt, aber anscheinend nur in recht bescheidenem Umfang. So entschloß man sich zu Beginn des Jahres 1765, durch neue Maßregeln die Anwerbung zu beschleunigen. Von zwei Seiten zugleich sollte die Bearbeitung der deutschen Auswanderungslustigen in Angriff genommen werden. Zunächst schloß man mit privaten Unternehmern Ver­träge ab, die gegen Zahlung einer Pauschalsumme und Gewährung beson­derer Rechte in den zu besiedelnden Gebieten an der Gewinnung einer möglichst hohen Zahl von Kolonisten interessiert waren. Den Namen nach zu urteilen, waren sie überwiegend französischer Herkunft: Le Roy, Munni, Pictet^), Baron Beauregard, Pröcourt, de Boffö; daneben die Deutsch­russen Assessor Iwan Reiß und Baron Bock^). Man bevorzugte die Aus­länder, da von ihnen eine leichtere Beeinflussung der Auswanderungslustigen erwartet werden durfte. Der Vertrag zwischen der Regierung und dem Unternehmer Baron Caneau de Beauregard ist uns erhalten^). Da in ihm für zahlreiche Mißstände, die bei der Anwerbung wie auch später bei der Ansiedlung der Kolonisten zutage traten, der Ursprung zu suchen ist, ver­dient er einige Beachtung. Beauregard verpflichtet sich darin zur An­werbung von 3000 Kolonisten. Für diese Zahl wird ihm von der Regierung das nötige Land zur Verfügung gestellt, unter entsprechendem Abzug, wenn er seine Verpflichtung nicht vollständig zu erfüllen vermag. Für den Anfang

Ein Genfer Pictet de WaremvS wird auch als Sekretär des Grafen Woronzow genannt. Bilbassow II, 2, S. 19.

2) Reiß ist vielleicht nur Beamter der Regierung gewesen. Er erscheint bald darauf alsHofrat und Mitglied der Tutelkanzlei. Bock ist möglicherweise identisch mit Beauregard.

2) Pissarewski, Anhang Nr. 1.

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