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Deutsche Kolonien : ein Beitrag zur besseren Kentniss des Lebens und Wirkens unserer Landsleute in allen Erdteilen / von Karl Emil Jung
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russische Politik suchte die überkommene schwedische Be­völkerung durch die grössten Zugeständnisse an ihre Sprache und ihre Institutionen zu gewinnen und man beliess dieselben nicht nur in den neuerworbenen Teilen, man führte sie auch in Altfinnland wieder ein. Die Wiborgschen Deutschen gingen nun statt auf die Universität Dorpat nach Abo und Helsing- fors, sie mussten schwedisch lernen, wollten sie nicht die Aussicht auf Anstellung im Lande verlieren. Das deutsche Gymnasium wurde mehr und mehr ein schwedisches. Die letzten finnländischen Deutschen sah man in Dorpat 1830, seitdem haben aber die deutschen Ansiedelungen ihren deut­schen Charakter gänzlich verloren und der Census führt heut für Finnland keine Deutschen mehr auf. Es ist dies der einzige Teil des europäischen Russland. Die Deutschen sind hier in den schwedischen Bewohnern aufgegangen. Vielleicht hat es aber doch etwas Tröstliches, dass sich diese Vermischung zwischen zwei stammverwandten germanischen Völkern voll­zogen hat.

In den westlichen und mittleren Gouvernements.

Peter der Grosse sah bei seiner Eroberung der Ostsee­provinzen, was deutsche Kultur aus dem ehemals unwirt­lichen Sumpf- und Steppenlande gemacht hatte. Die Festung an der Newa,das Fenster nach dem Westen", war angelegt, sie sollte bevölkert und die Umgebung aus ihrem traurigen Zustand der Verödung gerissen werden. Es begann dem­nach die Ansiedelung deutscher Bewohner in und um Peters­burg zu Anfang des 18 Jahrhunderts.

In Petersburg wohnen heut gegen 60000 Deutsche; man hat den Stadtteil Wassili-Ostrow auf dem nördlichen Zipfel der Newa-Insel sogar ein Stück Deutschland in Petersburg genannt. Das äussere Aussehen spricht auch wirklich dafür. Die Schilder der Kaufleute und ihre Namen, die Ankün­digungen und Anschlagzettel sind deutsch, nur von einer sehr