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ihm zu betteln. Sie sind es gewesen, welche den Deutschen überhaupt den Schimpfhamen „Hungerleider" verschafft haben, den die Letten so gern gegen ihre Unterdrücker gebrauchen.
Die Städte.
Die russischen Ostseeprovinzen besitzen nur vier Städte von grosserem Umfang: Riga, Reval, Mitau und Dorpat, an welche sich die Hafenorte Libau, Pernau und Windau*) anreihen.
Riga ist die älteste, reichste und politisch noch unabhängigste Stadt der drei Provinzen. Ihre Entstehung datiert von jener ersten Entdeckung des Landes durch Bremer Kaufleute. Aber sie macht heut weder den Eindruck eines fast siebenhundertjährigen bewegten Lebens noch auch jenen einer bürgerlich behaglichen Grossartigkeit, welchen andere Hanseatinnen aus ihrer ruhmvollen Vergangenheit wenigstens äusserlich in eine minder bedeutsame Gegenwart hinübertrugen. Daran sind die Zerstörungen schuld, welche Feuers-, Wassers- und Kriegsnot zu verschiedenen Zeiten anrichteten, sodass heut kaum mehr ein paar Häuser zu finden sind, welche ihr Dasein der vorlutherischen Zeit verdanken.
Riga besteht heut aus zwei getrennten, nach ihrem Ausseren wie nach ihren Bewohnern völlig verschiedenen Teilen: dem alten, ehemals befestigten Stadtkern und den neuen, nach russischer Manier gebauten Vorstädten. Zwischen beiden liegen die ehemaligen Wälle, die erst vor wenigen Jahren geschleift und in Spaziergänge verwandelt wurden. Der eigentliche Stadtkern mit engen, in altdeutscher Art winklig gewundenen Gassen, auf welche turmhohe Giebelhäuser, mächtige Speicher und feine, schlanke Turmspitzen hernieder-
*) Die Bevölkerung der baltischen Städte setzte sich 1867 zusammen aus 67 400 Deutschen, 30 C00 Russen, 28 300 Letten und 18 200 Esthen.