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Deutsche Kolonien : ein Beitrag zur besseren Kentniss des Lebens und Wirkens unserer Landsleute in allen Erdteilen / von Karl Emil Jung
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So sehen wir unsere Landsleute über die ganze ungeheure Ausdehnung des Zarenreiches vom Weissen Meer bis zum Kaspisee und zum Schwarzen Meer, von der preussischen Grenze bis zum Ural verstreut, ja selbst in Sibirien sind einige Tausend Deutsche angesiedelt und ein paar Hundert hat man in centralasiatischen Gebieten gezählt.

Am zahlreichsten wohnen sie aber in den Gouvernements Ssamara, Ssaratow, Piotrkow, Warschau, Livland und Kalisch, sodann in Cherson, Kurland, Plozk, St. Petersburg, Ssuwalki und Wolhynien. In Finnland leben heut nur noch wenige Hunderte; hier war aber früher das Deutschtum in ziemlicher Stärke vertreten. Es ist nicht aus dem Lande gewichen, es ist vielmehr in dem ansässigen Schwedentum aufgegangen.

Ob ein solches Aufgehen in dem andrängenden slavischen Elemente das Schicksal der heute noch auf russischem Boden bestehenden deutschen Kolonien sein wird, wer mag es sagen? Fast möchten wir das besorgen. Die nachstehende Schil­derung, der Versuch einer ungeschminkten Darstellung der Verhältnisse, wie sie sich vom ersten Auftreten der Deutschen in Russland bis auf die jüngste Zeit gestaltet haben, mag auf die Beantwortung dieser auch für uns bedeutsamen Frage hinleiten.

In den baltischen Provinzen.

Das deutsche Element der Provinzen Esthland, Livland und Kurland ist etwa 120 000 Seelen*) stark, macht nur etwas über 16 Procent der nicht zwei Millionen zählenden Gesamt­bevölkerung aus und dennoch ist es in seinen beiden Zweigen: dem grundbesitzenden Adel und der städtischen Bürgerschaft**)

*) Nach der Zählung von 1873 wohnten in Kurland 44 218, in Livland 63 973, in Esthland 11 131 Deutsche.

**) In den drei baltischen Provinzen waren 1867: 14 119 Adelige, 7000 Kaufleute undEhrenbürger" und 95 293 Bürger.