Die niederländischen und englischen Kolonien auf dem Wege nach Ostindien 89
übernahmen selbst die Verwaltung der Kolonie. Sie entsandten, um die Beschwerden der Kolonisten zu untersuchen und um die von ihnen gerügten Mißbräuche abzustellen, Zwei Kommissare nach dem Kap, die es aber nicht verstanden, das Vertrauen der Kolonisten zu gewinnen. Ja, die Unzufriedenheit wurde schließlich so groß, daß die Kolonisten der Grenzbezirke Graaff-Reinet und Swellendam 1795 ihre Landdrosten verjagten, und unter dem Einfluß der französischen Revolution, selbständige Freistaaten konstituierten. Das Land war in einem Zustand, der an Anarchie grenzte, als die Engländer 1795 am Kap erschienen.
Man hat früher, beeinflußt von voreingenommenen englischen Darstellungen, die Verwaltung der Holländischen Ostindischen Kompagnie im Kapland recht ungünstig beurteilt; neuerdings ist durch die gründlichen unparteiischen Forschungen Theals erwiesen, daß manche der der Gesellschaft und ihren Beamten gemachten Vorwürfe unberechtigt sind. Gewiß herrschte auch im Kapland Korruption so gut wie in fast allen Kolonien der damaligen Zeit, aber von einer tyrannischen Behandlung der Kolonisten kann nicht die Rede sein. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kolonie für die Ostindische Gesellschaft finanziell eine schwere Belastung bedeutetes. Für das Mutterland und die Kompagnie galt die Kolonie hauptsächlich als eine Militärstation und als ein „Küchengarten" für die vorbeifahrenden Schiffe. Aber — fast wider Willen der Begründer — war hier die erste europäische Siedlungskolonie in Afrika entstanden. Diese Siedlungskolonie war zwar noch recht klein — gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es nur etwa 17 000 Weiße im Kapland, die über eine weite Fläche zerstreut waren — und wirtschaftlich rückständig, aber es war hier der Grund gelegt zu einem kräftigen europäischen Gemeinwesen und zu einem neuen, geistig nicht sehr regsamen, aber kerngesunden und tüchtigen Volkstum, der Afrikandernation.
II. Die Engländer.
Die Engländer benutzten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
die von den Holländern 1651 aufgegebene Insel St. Helena
riiskü 2, 226f., berechnet, daß die Kolonie Ende des 18. Jahrhunderts ein Defizit von 92 000 L hatte. Lichtenstein, Reisen im südlichen Afrika 1, 66, meint, daß die Holländische Ostindische Gesellschaft während der 143 Jahre, in denen sie die Kolonie beherrschte, einen Zuschuß von mehr als 100 Millionen Gulden hätte leisten müssen.