VIT. Grundzüge der Wirtschaftsgeographie.
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Bin Volk, das in festen nach Art unsrer Bauernhäuser gebauten Häusern wohnt und einen Besitzstand sein eigen nennt, den es nicht nur um seiner selbst willen hält, sondern um von seinen Erträgen zu leben, ein solches Volk ist für die Entwickelung der Kolonie von viel gröfserer Bedeutung als die übrigen Bestandteile ihrer Bevölkerung. Es kommt hierzu noch die Möglichkeit, einzelne Bastards mit der Zeit den Weifsen auch äufserlich gleichzustellen, wie dies z. B. ein regelmäfsiges Einziehen der Leute zum Militärdienst sicher zur Folge haben dürfte.
VII. Grundzüge der Wirtschaftsgeographie.
Es ist nicht meine Absicht, in Folgendem eine rein nationalökonomische Abhandlung zu geben. Diese würde nicht mehr in den Bahmen einer geographischen Arbeit fallen. Allein die geographischen Bedingungen des wirtschaftlichen Lebens in der Kolonie zu behandeln erscheint mir zahllosen Vorkommnissen der neueren Zeit gegenüber geradezu als die Pflicht jedes Fachmannes.
Zunächst sollte sich jeder Politiker darüber klar werden, zu welcher Art von nutzbaren Gebieten das Land gehört, mit dem er sich beschäftigt. Die vorhergehenden Abschnitte werden wohl zur Genüge erwiesen haben, dafs es sich in Südwestafrika durchweg um Steppenländer handelt, und eine selbst in manchen neuern Kolonien bereits Jahrhunderte alte Erfahrung hat gezeigt, wie solche Gebiete im allgemeinen stets der Viehzucht gehören. Die Unmöglichkeit, in einem wirklichen Steppenklima ohne künstliche Bewässerung Ackerbau zu treiben, würde allein schon ein genügender Grund sein müssen, zunächst alle Mafsnahmen auf die Beantwortung der Frage zu richten: "Wie können die vorhandenen Flächen ihrer Natur entsprechend am besten verwertet werden? Die Antwort lautet: Nur durch extensiv betriebene Viehzucht. In den Gebieten, in denen noch nicht ein Zehntel der Grasmenge, wie etwa in Mitteleuropa, auf einem Hektar wächst, genügt deshalb noch lange nicht das Zehnfache der hei uns benutzten Fläche für eine gleichgrofse Anzahl von Bindern oder Schafen. Denn hier haben wir damit zu rechnen, dafs vielleicht nur in jedem dritten Jahre einmal junger Nachwuchs die abgefressenen Gräser ersetzt. Wir würden also in einer solchen Landschaft mindestens die dreifsigfache Fläche als durchschnittliches Weidegebiet auf das einzelne Stück Vieh zu rechnen haben wie bei uns.
Ist diese rein von der Häufigkeit bestimmter Begenmengen und ihrer zeitlichen Verteilung abhängige Gröfse ein innerhalb der einzelnen Landschaften festzustellender Faktor, so giebt es noch einen andern, der zwar der oberflächlichen Betrachtung als ein sehr wechselnder erscheinen mag, der jedoch in seinen Grundlagen viel beständiger ist, als man annimmt, und dessen geographische Grundlagen eben nur in abnormen Zeiten ein wenig verdunkelt werden mögen. Ich meine die aufserordentlich dünne weifse Bevölkerung, wie sie solch Steppenland in den ersten Jahrzehnten der Kolonisation zu besitzen pflegt. Eine Erhöhung der Truppe, die jeden Augenblick wieder verringert werden kann, die Errichtung einer Garnison, die mit jedem Tage wieder aufgehoben werden kann, schafft vielleicht für den Moment günstige Lebensbedingungen für eine Anzahl Leute, die im nächsten Jahre nicht wissen, wovon sie leben sollen. Wir haben uns wohl zu hüten, dafs wir nicht solche Lebensbedingungen als etwas anderes auffassen als das, was sie sind, nämlich durchaus künstliche und unnatürliche Erscheinungen in der ersten Entwickeluugsperiode der Kolonie. Bechnen wir dagegen nicht mit solchen Zuständen, setzen wir den Wert der Binder und Schafe so ein, wie er ohne diese dem Lande ungewohnten Zustände sich Jahrzehnte hindurch gehalten, so haben wir einen neuen Beweis für die Notwendigkeit einer extensiv
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