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Deutsch-Südwest-Afrika : Ergebnisse einer wissenschaftlichen Reise im südlichen Damaralande / von Karl Dove
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VI. Ethnologisches.

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und Sagenwelt dieses Volkes kann sich mit derjenigen mancher europäischen Nation messen. Die Erklärung der Sternbilder hei den Hottentotten, von der mir Dr. Theophilus Hahn einige Prohen gab, ist in Bezug auf poetischen Gehalt gewissen Sagen des klassischen Altertums gleichzuachten. Die Fabel, welche der Erzählung vom König Lear zu Grunde liegt, findet sich in ähnlicher Form unter den Legenden der Namas, und schon Peschel warnt davor, ein Volk als geistig tiefstehend anzusehen, in dessen Sprache sich im Gegensatze zu manchen andern Idiomen ein Wort für den Begriff der Menschlichkeit finde 1).

Doch nicht nur an Legenden und Sagen läfst sich die eigenartige Befähigung der gelben Basse erkennen. Einen Beweis nicht geringen Geschmacks liefern viele ihrer technischen Arbeiten. Noch heute werden die Binsenmatten im Namalande gefertigt, von deren Verwendung zur Herstellung der runden Pontoks schon die altern Reisenden berichten. Ganz besonders aber sind es einige Arbeiten, mit denen sich die hotten­tottische Kunstfertigkeit entwickelten europäischen Industrien an die Seite stellen kann. Entsprechend der Natur des Landes und der Hauptbeschäftigung der Namas sind es Leder- und namentlich Fellarbeiten, in deren Ausführung sie Vorzügliches leisten. Unter den Lederarbeiten seien die Fellschuhe und die oft sehr gut gearbeiteten Schamboks, d. s. Beitpeitschen, angeführt. Geradezu künstlerisches Verständnis indessen entwickeln sie bei der Herstellung der Karosse. Unter dem NamenKarofs" begreift man im allgemeinen alle jene gemusterten Felldecken, welche meist mit Sehnen so fest genäht werden, dafs sie den Vergleich mit den besten Kürschnerarbeiten aushalten können.

All' diese Thatsachen zeigen, dafs man der gelben Rasse lange Zeit hindurch bitter Unrecht gethan hat, wenn man sie einfach den am tiefsten stehenden Teilen des Menschen­geschlechts zurechnete. Sind die Kolonialhottentotten auch sehr herabgekommen, so ist das eben bei den Namas nicht der Fall. Sie lebten seit mehreren Jahrhunderten in den endlosen Steppen ihrer heutigen Heimat, wo sie bis vor nicht langer Zeit vor schädlichen Berührungen mit der europäischen Kultur bewahrt geblieben sind. Für diese Annähme einer langen Besetzung des Namalandes durch seine heutigen Bewohner spricht wenigstens folgende Stelle bei Dapper über die Namaker 2 ):Diese hottentottischen Völker wohnen jetzt ungefähr 80 oder 90 Meilen nach Ostnordosten zu vom Vorgebirge der Guten Hoff­nung und sehr tief landeinwärts."

6. Die Buschmänner,

Wie über die Ovambo, so erlaube ich mir auch über die wenigen Buschleute, die ich gesehen, kein mafsgebendes Urteil. Körperlich machten die mir zu Gesicht gekommenen Leute durchaus den Eindruck von Hottentotten. Ihre Körpergröfse war allerdings ein wenig geringer als bei dem Durchschnitt der Namas, indessen kann dies Zufall gewesen sein. v. Bülow, der mehrfach unter frei lebenden Buschmannbevölkerungen sich aufgehalten, war stets der Ansicht, dafs überhaupt kein körperlicher Unterschied zwischen diesen und den Hottentotten des Schutzgebietes bestehe. Ihre Zahl schätzt man auf etwa 3000.

7. Die Bastards.

Einen sehr interessanten, wenn auch an Zahl nicht eben bedeutenden Bestandteil der Bevölkerung von Südwestafrika bilden die Bastards und unter diesen wieder besonders die Bastards von Behoboth. Zunächst sei ausdrücklich betont, dafs hier der NameBastard" den Angehörigen einer längst zu einer selbständigen Nation gewordenen und aus eine' - ganz bestimmten Mischung hervorgegangenen Bevölkerung bezeichnet und dafs er somit die allgemeine Bedeutung, in welcher er in Europa angewandt wird, hier beinahe verloren hat.

!) Vgl. Peschel, Völkerkunde, S. 492. 2 ) Dapper, a. a. 0.

Dove, Deutsch-Südwest-Afrika. 11