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Dove, Deutsch - Südwest - Afrika.
Südafrikas mafsgebend gewesen. Ihre Züge nach unserm Schutzgebiet können gleichzeitig dazu dienen, die alte und im Schutzgebiete von niemand mehr geglaubte Fabel von der völligen Unzugänglichkeit der „Wüste" Kalahari gründlich zu zerstören. An dieser Stelle will ich mich nicht auf eine Schilderung des längst zur Genüge bekannten Stammes einlassen, doch dürfte auch hier den Ethnologen einiges über ihr Eindringen und die Grenzen ihres Vordringens interessieren.
Schon in den achtziger Jahren müssen nicht allein Männer, sondern auch einzelne Familien über die Grenze unsres Schutzgebiets gezogen sein. Wenigstens kannte ich ein Betschuanenrnädchen in Windhoek, das bereits in seiner Jugend, angeblich als Gefangene, unter den Damaras gelebt hatte. In gröfserer Menge aber tauchen Betschuanen erst nach dem Jahre 1890 in den östlichen Landschaften auf. Dafs es zwingende Gründe sein mufsten, welche sie zur Auswanderung veranlafsten, sieht man daraus, dafs sie unmittelbar nach ihrer Einwanderung mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, die blofse Händler sicherlich zur Umkehr veranlafst haben würden. Namentlich das verkommenste Gesindel der ganzen Kolonie, die Khauashottentotten des Andries Lambert, bedrängten die Eingewanderten in unerhörter Weise. In den Landschaften zwischen Gobabis und Noasannabis hatten sie sich niedergelassen, und als im Jahre 1893 auch der Stamm der Khauas eine offen feindliche Haltung gegen die Deutschen angenommen hatte, da zog eine Gesandtschaft nach der andern nach Windhoek, um den Schutz der Regierung gegen die Übergriffe der räuberischen Hottentotten zu erlangen. Dies gelang ihnen nicht, da damals bereits kaum noch an eine Verwendung der Truppe aufserhalb des Gebiets zwischen Windhoek und Hoornkrans sowohl wie der Küste zu denken war. Im Anfang des Jahres 1894 kam dann die Nachricht nach dem Kaplande, Andries Lambert mit seinen Leuten habe einige Hundert der unglücklichen Betschuanen samt Frauen und Kindern ermordet. Wie weit sich die Einwanderer aber schon nach Westen gezogen hatten, vermochten wir Mitte 1893 festzustellen. Damals befanden sich bereits eine Anzahl Familien auf der 40 km von Windhoek entfernten Werft des Buren Wiese, ein Zeichen dafür, dafs sie in friedlichen Zeiten wohl noch weiter nach Westen gewandert sein würden.
4. Die Bergdamaras,
Den Bergdamaras den ihnen ethnologisch zukommenden Platz unter den Völkerschaften Afrikas zuzuweisen, wird voraussichtlich niemand mehr gelingen, da wir hier mit der Thatsache zu rechnen haben, dafs ein ganzes Volk seine ursprüngliche Sprache gegen die einer ihm völlig fernstehenden Rasse verloren hat.
Körperlich sind die Bergdamaras reine Neger. Ihre Farbe, nur bisweilen braunschwarz, ist in der Regel ein tiefes, beinahe bläuliches Schwarz. Die Gesichtsbildung ist etwa die der westafrikanischen Neger. Ihre Körpergröfse, geringer als die der Ovaherero, kann man als Mittelgröfse im europäischen Sinne bezeichnen.
Auffallend ist, wie wenig staatlichen Zusammenhalt dies merkwürdige Volk zu bethätigen vermochte. Sein Verbreitungsgebiet ist etwa gleichbedeutend mit dem ganzen Ländergebiet, das in dieser Arbeit unter der Bezeichnung des südlichen Damaralandes zusammen- gefafst ist. Gleichwohl haben die Bergdamaras dieser weiten Landschaften es nur ganz ausnahmsweise vermocht, eigene Gemeinwesen zu bilden. Von der weitaus überwiegenden Mehrzahl kann man sagen, dafs sie entweder als dienende Rasse unter den Ovaherero oder den nördlichen Namastämmen lebt, oder aber dafs sie in vollkommen wildem Zustande die einsamen Hochgebiete des Damaralandes durchschweift. Es ist uns bei einer Reise durch das Khomasland vorgekommen, dafs Bergdamaras, welche uns zufällig begegneten, in wilder Flucht davoneilten. Scheu wie das Wild der Bergländer, dem sie nachstellen, führen die Familien dieser wilden „Hau-koin" ein einsames Dasein. Neben der Jagd, zu deren Ausübung sie nicht selten Feldbrände anlegen, um sich dann leichter des auf frei-