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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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und Verhältnisse zu übersehen, vor allem aber in dem damaligen Augenblick die Wendung des großen Kampfes zu erwarten, zu welchem noch gegen den Herbst des nämlichen Jahres Frankreich und Preußen sich gegeneinander rüsteten. So erschien der ewig denkwürdige 14. Oktober 1806 9 , an dem Napoleons Taktik Friedrich Wilhelms Kriegsscharen vernichtete und die Herrschaft des Hauses Brandenburg diesseits der Elbe auflöste. Besorgt wegen der Folgen, die diese Katastrophe auch für sie haben könne, sandte Bremen seinen Gröning mit den Deputierten der beiden Schwestern zu dem siegreichen Kaiser, denn nie konnte eine entfernte Schlacht einen schnelleren, unmittelbaren Einfluß auf die Hanse­städte haben als diese. Niedersachsens und Westfalens Verfassungen wurden dadurch völlig unkenntlich, die alten Fürstenhäuser Braunschweig und Hessen zertrümmert 10 , ein neuer Königsthron errichtet, den Hieronymus Napoleon 11 am 15. November des folgenden Jahres bestieg. Der Haupterwerb dieser Länder bestand in Landwirtschaft, in Fabriken und in dem Ertrag der ergiebigen Salinen, Steinkohlen- und anderer Bergwerke, besonders aber in dem Gewinn aus dem Garnspinnen und dem Leinenweben. Alle diese Produkte und Fabrikate tauschten die Hansestädte gegen andere Waren der Alten und Neuen Welt von den Ein­wohnern dieser deutschen Provinzen ein und dieses in den letzten Jahren mehr als je wegen der durch Hollands Schicksal gestörten Rheinschiffahrt. Nach jenem Siege sah das ganze nördliche Deutschland sich von den französischen Heeren über­schwemmt. Unter dem Druck der öffentlichen Lasten beschränkten sich alle Ein­käufe der Bewohner bald auf den notwendigsten Bedarf. Die veränderten Staats­verfassungen führten andere Grundsätze herbei, die den wechselseitigen Handels­verkehr erschwerten; es fehlte an dem weiteren Debit der Gegenstände des Tausches im Handel, die Fabriken stockten, die Quellen des Wohlstandes ver­siegten, und so wurden die blutigen Tage bei Jena und Auerstedt schon dadurch eine der wichtigsten Epochen für das nur durch den Handel bestehende Bremen.

2. Besetzung Bremens durch die Franzosen

Auch nach Hannover kehrten die Heere der Sieger zurück, wo die beiden Festun­gen Hameln und Nienburg noch in den Händen der Preußen sich befanden, wiewohl auch sie dem damaligen sonderbaren Verhängnis so vieler anderer Festungen nicht entgingen, daß sie sich schnell, ohne Blutvergießen, ergaben.

9 Am 14. Oktober 1806 erlitt die preußische Armee in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage.

10 Aus den nach dem Tilsiter Frieden (S. 390, Anm. 10) von Preußen abgetretenen links- elbischen Besitzungen und annektierten braunschweigischen, hessischen und hanno­verschen Landen bildeten die Franzosen das Königreich Westfalen mit der Haupt­stadt Kassel, das bis Ende 1813 bestand.

11 Jerome Bonaparte (17841830), Bruder Napoleons, König von Westfalen (reg. 1807-1813).

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