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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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1. Ende des Deutschen Reiches Erste Folgen für Bremen Preußens Schicksal Veränderungen in Norddeutschland

Befreit von der so sehr gefürchteten preußischen Übermacht, überließ Bremen sich schon einer allgemeinen Freude und der frohen Hoffnung einer ruhigeren Zukunft, als nach wenigen Wochen plötzlich die merkwürdigste Begebenheit in der deut­schen Geschichte auch seinen politischen Standpunkt veränderte und das Staaten­system vernichtete, welches bis dahin die Grundlage der Freiheit dieser Stadt und ihrer damit verbundenen Rechte gewesen war. Unvermutet legte das bisherige Oberhaupt des Deutschen Reiches, Franz IL, am 6. August des Jahres 1806 die Kaiserkrone nieder, entließ alle Reichsstände ihrer Reichspflichten und löste die Bande gänzlich auf, die seit länger denn einem Jahrtausend die verschiedenen deutschen Länder und Staaten miteinander verbanden. Das hatte man wenig­stens so nicht erwartet, wohl eine wichtige Veränderung oder gar eine Auflösung der bisherigen Reichsverfassung leise geahnt, wohl etwas Ähnliches wegen des neuen Titels eines österreichischen Kaisers 1 besorgt, wohl die Entstehung der ver­schiedenen souveränen Staaten in dem südlichen Deutschland, die der Rheinbund 2 hervorbrachte, als eine künftige Veranlassung dazu sich vorstellen können, nicht aber eine solche Art und Weise, durch eine bloße Anzeige an die Stände, wodurch so manche Mitglieder des alten ehrwürdigen Bundes, die zu dessen Erhaltung seit Jahrhunderten so oft große Opfer gebracht hatten, auf einmal ihrem Schicksal sich überlassen sahen.

Freilich war auch Bremen dadurch aus der Klasse der deutschen Reichsstädte zu einem kleinen souveränen Staat erhoben und nahm, gleich den beiden Schwester­städten, statt des vorherigen Titels einer Kaiserlichen Freien Reichs- und Hanse­stadt denjenigen einer Freien Hansestadt an. Allein eben diese Ehre machte seine Lage um so viel kritischer, da zu seiner Selbstverteidigung ihm die Kräfte fehlten. Wichtig war die Auswahl der Schritte, wodurch man eine solche Unabhängigkeit für die Zukunft am besten sichern könne, aber eben deswegen zu keinen raschen Entschlüssen geeignet. Schneller konnte für einige andere gleich eintretende Bedürf­nisse gesorgt werden, und unter diesen schien eines der allerersten, jedem Privat-

1 Nach der Begründung des französischen Kaisertums proklamierte Franz IL, um bei der vorauszusehenden völligen Auflösung des Reiches in eigenem Rang und Ansehen gesichert zu sein, am 11. August 1804 ein alle habsburgischen Erblande zusammen­fassendes Kaisertum Österreich und nahm als Franz I. den erblichen Titel eines Kaisers von Österreich an.

2 Der auf Betreiben Napoleons 1806 gegründete Rheinbund süd- und westdeutscher Fürsten diente der französischen Beherrschung Westdeutschlands und der Beseitigung der Reichsgewalt. Die Rheinbundfürsten erklärten sich für souverän und sagten sich förmlich vom Reich los, so daß sich Franz II. veranlaßt sah, die römische Kaiserwürde niederzulegen. Die Bundesgenossen mußten fortan starke militärische Kräfte für die Feldzüge Napoleons stellen; dafür erhielten sie Standeserhöhungen und z.T. Ge>- bietserweiterungen auf Kosten kleinerer Reichsstände. Dem zunächst 16 Mitglieder zählenden Bund traten später auch die übrigen deutschen Staaten außer Preußen, Österreich, Braunschweig und Kurhessen bei, soweit sie nicht, wie Bremen, von Frankreich unmittelbar annektiert wurden.

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