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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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sich eines solchen Gezänkes, und diese Empfindung teilte sich immer mehreren mit. Man wünschte diesen literarischen Zweikämpfen ein Ende, gab sich kaum noch die Mühe, solche neuerscheinenden Produkte in die Hand zu nehmen; die letzten wurden so wenig bekannt, daß nur Vertraute die Abdrucke als Manu­skripte mitgeteilt erhielten.

Das Böse blieb jedoch davon zurück, daß die vielen dadurch aufgeregten, oft sehr schiefen Ideen eine gütliche Beilegung dieser Streitigkeiten schwerer erreichen ließen, in denen man sich anfangs von beiden Seiten oft wahrlich nur nicht ver­stand, zu wenige Bekanntschaft mit gegenseitigen Einrichtungen hatte, zu sehr mißtraute. Vergebens beschäftigten daher eine Kommission des Senats und eine aus reformierten und lutherischen Bürgern bestehende Deputation sich lange mit Vergleichsplänen. Ein unseliger Geist des Mißtrauens verlor sich niemals gänzlich, und wenn man zuweilen schon nahe beieinander zu sein glaubte, entfernte sein plötzliches Erwachen wieder fast weiter voneinander als jemals zuvor.

4. Abtragung der Wälle Blockade der Weser Bemühungen Hannovers um eine Anleihe

Dem Patrioten mußte bei dem Gedanken der Folgen einer so künstlich hervor­gebrachten Uneinigkeit unter Mitbürgern das Herz desto mehr bluten, je mehr er die Gefahren wieder herannahen sah, die Bremen bedrohten, mit jedem Jahre dessen Lasten mehrten und die stete Anstrengung, die ungeteilteste Aufmerk­samkeit des Senats, die vertrauensvollste Einigkeit zwischen ihm und der Bürger­schaft aufforderten. Nur der, dem Bremens Wohl oder Wehe völlig gleichgültig blieb oder der es nicht beherzigte, konnte jenes Feuer der Zwietracht mit Vor­bedacht entzünden, unterhalten und beim Verlöschen wieder anfachen. Denn während dieser Zänkereien sah Bremen durch Mortiers Besetzung der hannover­schen Kurlande zum ersten Mal französische Krieger in seiner Nähe, und man kannte, nach Reinhards Abberufung von seinem Gesandtschaftsposten im Juni 1803, die Denkungsart seines Nachfolgers Bourrienne 1 noch zu wenig, um das Vertrauen zu jenem sogleich auf diesen zu übertragen.

Gleich nach jener Besetzung suchte der Senat zur Vorbeugung jedes Mißverständ­nisses die vielen englisch-hannoverschen Wappen und königlichen Namenszüge weg­zuschaffen, die sich an dem sogenannten Palatium, an manchen anderen vormals hannoverschen Gebäuden, in den Fenstern des Doms und erst seit kurzem an dessen Turm befanden. Ebensoschnell ließ er allenthalben auf den Grenzen

1 Louis Antoine Fauvelet de Bourrienne (17691834), französischer Diplomat und Schriftsteller, seit 1797 Sekretär Napoleons, war von 1805 bis 1810 französischer Gesandter beim Niedersächsischen Kreis und bei den Hansestädten, später Polizei- präfekt von Paris, dann Staatsminister. Offenbar handelt es sich hier um einen Irrtum, denn Bourrienne löste Reinhard nicht 1803, sondern erst im März 1805 ab.

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