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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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und für den Rest sich allmählich, so wie der Verkauf geschah, zu berechnen. Diesem Beispiel folgten gegenwärtig die Schlesier. Die Kaufleute, welche mit schlesischem Leinen handelten, hatten dieses sonst von den Schlesiern verschrieben. Diese fingen jetzt, bei dem starken Handelsverkehr auf der Weser, gleichfalls an, große Vor­räte ihres Fabrikats an bremische Handelshäuser in Kommission zu schicken. Schon diese Bequemlichkeit, die Ware nicht erst auf Spekulation zu verschreiben, sondern sie, sobald sich zu deren vorteilhaftem Umsatz eine Gelegenheit darbot, sogleich vorzufinden, reizte manche, sich mit diesem Handelszweig zu beschäftigen, der sie unter anderen Umständen nicht gereizt hätte; noch mehr aber der lange Kredit von fünf bis sechs Monaten, den ihnen die Verkäufer gestatteten, der häufig Aus­sichten gab, das auf solchen Kredit Gekaufte mit ansehnlichem Gewinn weiter­versandt und den Betrag dafür schon wieder erhoben zu haben, ehe der Zahlungs­termin von jenem heranrückte. Dadurch aber wurde der Handel mit schlesischer Leinwand immer allgemeiner und stärker, und man berechnete dessen jährlichen Betrag auf mehrere Millionen Taler. Ein damaliger junger bremischer Kaufmann, Stephan Lürman 6 , führte zuerst diese Art von schlesischer Geschäftsführung ein und erregte dazu die Neigung bei den Schlesiern.

Unstreitig stand Bremens Börse in den Jahren 1797, 1798 und 1799 auf ihrem höchsten Gipfel. Unter den 1033 Schiffen, die in dem letzten Jahre auf der Weser ankamen, befanden sich 81 aus Nordamerika, 10 aus Westindien, 98 aus Frank­reich. Von Bordeaux allein zog Bremen in diesem Jahr an Wein 43 168 Oxhoft, 160 ganze Fässer, 3 halbe Fässer, 470 Gebinde, 553 Stücke, 24 Teersjes und 530 Kisten, an Branntwein 711 ganze Stücke, 208 halbe Stücke, 401 Gebinde, 125 Fässer, 35 Piepen, 1 Oxhoft und 2 Kisten, an Essig 349 Teersjes und 42 Oxhoft. Und die Schlachte wurde für das damalige Gewühl so eng, daß schon der Gedanke einer notwendigen Verlängerung derselben bei vielen lebhaft sich regte. Daß bei diesem starken Handel auch die Schiffahrt mit bremischen eigentümlichen Schiffen sich vergrößert habe, ist leicht zu denken, doch nicht so sehr in der Anzahl der Schiffe als in deren innerem Gehalt. Die Zahl der bremischen Seeschiffe betrug im Jahre 1778 zwar 119 und im Jahre 1799 nur 179, doch die Größe von jenen berechnete man nur auf 9854 Kommerzlasten, die der letzten auf 19 219. Acht von diesen fuhren damals auf den grönländischen Walfischfang und Robben­schlag.

6. Gelbfieber Marokkanische Angelegenheit Schiffahrt auf der Oberweser

Diese so sehr vermehrten merkantilischen Geschäfte erzeugten schon im Jahre 1796 wiederum eine neue Seeassekuranzkompanie, die ihre Gesetze mit mehr Vorsicht abfaßte. Bald aber hätte einige Störung diesen raschen Gang der Handlung und

6 Stephan Lürman (17641816), Sohn des Kaufmanns Johann Theodor Lürman in Iserlohn, Kaufmann in Hamburg, seit 1794 in Bremen.

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