3. Beerdigungen außerhalb der Stadt — Schützen wall —
Quergassen — Zichoriendarren — Weserfähre — Scheidemünzen
Noch immer fern von dem Schauplatz des Krieges und dessen Getümmel, gingen die übrigen Geschäfte ihren ruhigen Gang. Auch diesem Zeitpunkt verdanken verschiedene neue Einrichtungen oder Verbesserungen ihre Entstehung. Begräbnisse in den Kirchen waren bei allen angesehenen Leichen allgemein üblich. Im Jahre 1792 taten einige Familien den ersten Schritt, sich Beerdigungsstellen außerhalb der Stadt auf dem Doventorskirchhof anzuschaffen, wohin sonst nur die Leichen der dahin eingepfarrten Vorstädter kamen. Im Oktober d. J. erhielt das erste Frauenzimmer von höherem Stande dort ihre Ruhestätte 1 . Anfänglich erregte dieses einiges Aufsehen, bald fand es Beifall. Mehrere folgten allmählich dem gegebenen Beispiel, und die Beerdigungen außer der Stadt wurden seitdem bei Vornehmeren nach und nach immer allgemeiner 2 .
Am 13. April 1793 vereinigten sich Rat und Bürgerschaft, eine öffentliche Heuwaage anzulegen, welche viele Pferdebesitzer zu wünschen schienen. In eben diesem Jahre erhielt unter den öffentlichen Gebäuden der alte, baufällig gewordene Schützenwall 3 durch Aufführung eines neuen geschmackvollen Hauses und durch damit übereinstimmende innere Auszierung eine ganz andere Gestalt. In dem folgenden Jahre aber beschloß der Bürgerkonvent am 24. Juni, die Quergassen 4 der Altstadt in den Hauptstraßen, die im Winter bei einfallendem Tauwetter dem Fahrenden so gut wie dem Fußgänger so oft einen Anstoß gegeben hatten, auf öffentliche Kosten allmählich überpflastern zu lassen. Zur Abwendung von Feuergefahren aber traf der Rat um diese Zeit eine sehr nützliche Vorkehrung. Das Zichoriendarren 5 beschäftigte in Bremen immer mehr Einwohner. Ein großer Brand auf dem Stavendamm im November 1793 hatte auch hier von der Gefahr der Selbstentzündung dieses Fabrikats ein warnen-
1 Anna Margaretha Oelrkhs geb. Wilckens, Ehefrau des Ratsherrn Dr. Georg Oelrichs, geboren am 7. März 1760, wurde am 8. Oktober 1792 auf dem Doventorsfriedhof bestattet.
2 Zum endgültigen Bruch mit der jahrhundertealten Tradition des bremischen Bestattungswesens kam es 20 Jahre später. 1812 verboten die Franzosen die Beisetzung in den Kirchen und auf den Kirchhöfen (den bis dahin wichtigsten Begräbnisstätten) im Stadtinneren. Dafür wurden der Doventorsfriedhof erweitert und zwei neue Friedhöfe, vor dem Herdentor (die heutige Grünanlage zwischen Blumenthaistraße und Gustav-Deetjen-Allee) und am Buntentorsteinweg, angelegt.
3 Als städtischer Schießplatz diente ein Gelände westlich des Ansgaritors, auf dem nach 1818 ein Teilstück des Straßenzuges Am Wall (von der Ansgaritorstraße bis zum Grundstück Nr. 102) errichtet wurde. Das dazugehörige öffentliche Gebäude, erbaut 1558/59, hieß der Schützenwall.
4 Gemeint sind die zwischen den Hauptstraßen (Obernstraße, Langenstraße usw.) in nordsüdlicher Richtung verlaufenden kleinen Nebenstraßen.
5 Der durch das Darren (Dörren, Rösten) und Zermahlen der Zichorienwurzel gewonnene Kaffee-Ersatz soll zuerst Ende des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden hergestellt worden sein. Die Produktion des Surrogats belebte sich stets, wenn der Überseehandel gestört war. 1790/97 entstanden in Preußen 19 Zichorienkaffee- Fabriken.
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