Druckschrift 
Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

1. Wahl und Huldigung Kaiser Franz' II. Ausbruch des Krieges gegen Frankreich Bremens Verhalten Reichskontingent

Schon am 1. März 1792 starb Kaiser Leopold II. plötzlich in Wien, ohne die Folgen seines vorjährigen kaum erwähnten Vertrages wohl nur zu ahnen. Ein Proklam des Senats vom 22. März ordnete die hergebrachten vierwöchigen Trauer­zeremonien 1 an, dem bald nachher die Bekanntmachung der gewöhnlichen sächsi­schen Vikariatspatente 2 folgte. Die nicht lange verzögerte Wahl Franz' IL* zum neuen römischen Kaiser aber gab am 21. August, wenige Tage also nach dem Beschluß des Nationalkonvents in Frankreich, wodurch dieser (am 10. August) die ersten Schritte zur Abschaffung der dortigen Königswürde tat 4 , Bremen die Gelegenheit, zum letzten Mal den Regierungsantritt eines deutschen Reichsober­hauptes nach bisher üblich gewesener Weise zu feiern 5 und nach vorheriger Huldigung, die auch dieses Mal durch den dazu bevollmächtigten Reichsagenten von Merck geschah 6 , die letzte kaiserliche Bestätigung seiner Privilegien zu erhalten.

Schon begannen die blutigen Szenen, unter denen nach mehrjährigem Kampf 7 Germanien zuletzt erlag, von denen Dillons 8 verunglückter Einfall bei Doornik 9 im April d. J. und Luckners 10 Einnahme von Ypern und Menin im Juni das Vorspiel wurden. Custines 11 unbegreiflich schnelle Einnahme von Mainz (20. Oktober) sowie dessen Vordringen nach Frankfurt, Preußens Rückzug aus

1 Über die Trauerzeremonien vgl. S. 160.

2 Falls nicht ein schon bei Lebzeiten des verstorbenen Kaisers zum römischen König gewählter Nachfolger zur Verfügung stand, oblag im Falle einer Thronerledigung die einstweilige Ausübung der Königsgewalt den Reichsvikaren. Nach der Goldenen Bulle von 1356 waren dies in den Ländern fränkischen Rechts der Pfalzgraf bei Rhein und in den Ländern des sächsischen Rechts der Herzog von Sachsen.

3 Franz IL (17681835) wurde am 5. Juli 1792 zum deutschen Kaiser gewählt; am 6. August 1806 legte er die Krone nieder. Als Kaiser Franz I. von Österreich regierte er von 1804 bis 1835.

4 Nach dem Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 beschloß die Gesetzgebende Versammlung, König Ludwig XVI. seiner Gewalt vorläufig zu entheben.

5 Die Wiederbesetzung des Kaiserthrones wurde von alters her an einem Sonntag durch ein aufwendiges Dankfest mit Glockenläuten, Gottesdiensten, Paraden, Militärmusik, Kanonenschüssen, Musketensalven und Vivatrufen auf Kaiser und Kaiserin gefeiert. Am Abend versammelte sich der Rat auf der Börse zu einem Essen, an dem u. a. auch die bürgerlichen Schottherren, der kaiserliche Resident und der Stadtkommandant teilnahmen.

6 Am 1. Februar 1793.

7 Am Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich (17921797), den dieses ausgelöst hatte, nahmen Österreich, Preußen, das Deutsche Reich, England, Holland und Spanien teil.

8 Theobald Graf Dillon (gest. 1792), französischer General.

9 Flämischer Name von Tournai.

10 Nikolaus Graf von Luckner (17221794), während des Siebenjährigen Krieges in hannoverschen, danach in französischen Diensten, zuletzt als Marschall.

11 Adam Philippe Graf Custine (17401793), französischer General.

229