Druckschrift 
Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen
 

12. Viehseuche Deichbrüche

Auch in Rücksicht zweier anderer, sonst sehr gewöhnlich gewesener Übel zeichnet sich dieser Abschnitt der Begebenheiten Bremens als besonders glücklich aus. Die Hornviehseuche, die in den vorhergehenden Jahren die hiesigen Gegenden so oft und so anhaltend verheerte, hatte diese 1778 kaum ein Jahr verschont, als sie von neuem einriß und dieses Mal um so viel verheerender wurde, als sie das Vieh auf den Weiden überfiel, wo die Ansteckung sich desto schneller verbreitete. Auch im folgenden Jahre (1780) tötete sie eine große Anzahl Vieh, besonders auf der Bürgerviehweide, und alle bisherigen Versuche, die Krankheit zu heilen, blieben so unwirksam wie gewöhnlich die freilich wohl nicht sehr durchgreifenden Mittel, sie von Bremens Grenzen entfernt zu halten, wohin sie jedes Mal aus Ostfriesland, noch niemals aus den oberen Gegenden Deutschlands oder von der Elbe gekommen war. Jetzt entschloß man sich zu dem Versuch eines neuen Hilfs­mittels, die Krankheit wenigstens unschädlicher zu machen, der Einimpfung. Kersting 1 , ein Tierarzt in Hannover, ein Mann von Kenntnis und Ruf, nahm den Antrag an, einigen bremischen Bürgern in dieser Verfahrungsart Unterricht zu geben, und ein leichtes Gebäude auf der Werderbastion 2 wurde bestimmt, die zur Probe einzuimpfenden Kühe unterzubringen. Alles war in gespannter Erwartung; aber zum Glück bedurfte es nicht dieser Versuche, ja, sie konnten nicht einmal angestellt werden, denn indem man sich noch mit den Zurüstungen beschäftigte, verlor sich mit dem folgenden Jahre die Seuche immer mehr und hat seitdem nie­mals Bremen oder dessen Nachbarschaft wieder heimgesucht.

Bloß im Anfange des Jahres 1787 kam das Gerücht, daß sich in einigen benach­barten Ländern eine andere für sehr gefährlich gehaltene Krankheit unter den Pferden und unter dem Hornvieh äußere, die schon im Jahre 1682 auch in Bremen geherrscht hatte. Auf der stark belegten Zunge bekämen, der Beschreibung nach, die Tiere gelbschwarze Blattern von der Größe einer Erbse oder Bohne, die einen Eiter enthielten, der immer tiefer um sich fresse, und aus deren Mitte, wenn sie sich geöffnet hätten, kleine Büschel, wie etwas steife Haare, hervorragten. Auch entstünden bei einigen statt der Blasen weiße oder gelbschwarze Risse oder Spalten in der Zunge, die ebenso schnell um sich griffen. In kurzer Zeit, oft schon in sechs oder sieben Stunden, gingen, der Versicherung nach, diese Blasen oder Risse, wenn man nicht schleunige Hilfe leiste, in gefährliche Brandgeschwüre über, und oft sterbe das Vieh schon innerhalb 24 Stunden.

In einem ausführlichen Proklam vom 28. Februar machte der Senat die Kenn­zeichen dieser den Landleuten fast ganz unbekannten Krankheit bekannt, die man den Zungenkrebs nannte, lehrte darin die Vorbauungs- und, falls dennoch

1 Johann Adam Kersting (17261784), Oberhofroßarzt in Kassel, von 1778 bis zu seinem Tode erster Direktor der Tierarzneischule in Hannover (der heutigen Tier­ärztlichen Hochschule), befaßte sich viel mit der Rinderpest und nahm weitgehend Einfluß auf die Bekämpfung dieser Seuche in Norddeutschland.

2 Werderbastion: die auf dem Werder zwischen der Weser und der Kleinen Weser gelegene Bastion der Stadtbefestigung.

219