1. Ausbreitung des bremischen Seehandels — Erste Fahrten nach China und Ostindien
Mit dem Anfang dieses Abschnittes unserer Geschichte erschien für Bremen die Morgenröte einer glanzvolleren Periode seiner Handlung und Schiffahrt, die von jetzt an mit jedem Jahre sich mehr entwickelten, und beide stiegen in der Folge zu einer bis dahin noch nicht gekannten Höhe, bis die Unbeständigkeit aller menschlichen Schicksale auch diesem sein Ziel setzte. Von jenem wie von diesem lag der Grund in sehr weiter Ferne.
Burgoynes 1 Schicksal bei Saratoga 2 bestimmte Frankreich, sich, statt der bisherigen heimlichen Unterstützung, nunmehr öffentlich für Nordamerikas Vereinigte Provinzen zu erklären. Beide Staaten schlössen am 6. Februar 1778 ihren Allianztraktat. Ihm folgte am 14. Mai die französische Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, und diese enthielt eine stillschweigende Erklärung des Krieges zwischen Frankreich und England, den ein Gefecht zweier Fregatten am 17. November eröffnete. Von nun an färbte das Blut dieser beiden streitenden Nationen die Meere. Vernichtung des gegenseitigen Handels wurde das erste Interesse der Kämpfenden, dessen Erreichung jedoch vorzüglich den Briten gelang. Bei diesen wechselseitigen Beunruhigungen der Schiffahrt der kriegführenden Mächte mußte notwendig die ungestörter bleibende Schiffahrt der Neutralen je länger, je mehr gewinnen; und diese Vorzüge der Hansestädte vergrößerten sich noch, als Spanien im Jahre 1779, Holland aber im folgenden Jahre dem Kriege gegen England beitraten. Wetteifernd mit den Dänen, befriedigte ihre Zufuhr die Bedürfnisse der gegeneinander kämpfenden Völker. In den entferntesten Meeren prangten ihre Segel, ihre Flaggen begrüßten Küsten, an welchen man sie noch niemals sah, und mit dieser Ausbreitung ihrer Schiffahrt verbreiteten sich auch ihre unmittelbaren Handelsverbindungen in anderen Weltteilen. Im Jahre 1778 fuhren 119 Schiffe unter Bremer Flagge, deren Größe man auf 9854 Kommerzlasten 3 anschlug. Im folgenden Jahre gingen bereits 129 derselben durch den Sund. In jenem Jahre kamen 382 Schiffe auf die Weser, unter denen 98 aus dem Oldenburgischen und Ostfriesischen, 85 aus Hamburg und Altona, 106 aus Holland, 29 aus England, 12 aus Frankreich, 14 aus Portugal und Spanien, 38 aber aus der Ostsee sich befanden; im Jahre 1785 betrug dagegen ihre Anzahl 478, im Jahre 1786 480, und im Jahre 1788 kamen bloß aus französischen Häfen 51 Schiffe, die ihre Ladung auf 15 Millionen Franken anschlugen. Bis zum Jahre 1762 genügte ein einziges öffentliches Teermagazin 4 , worin jeder Kaufmann seinen Teer lagern mußte. Damals wurde ein zweites erforderlich. Im
1 John Burgoyne (1722—1792), englischer General, erhielt im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Anfang 1777 das Oberkommando über die britische Hauptarmee.
2 Aufgrund der Konvention von Saratoga, einem Ort am Westufer des Hudson im Staate New York, ergab sich Burgoyne mit den Resten seiner Armee am 17. Oktober 1777 den Amerikanern unter General Horatio Gates. Der Unabhängigkeitskrieg erhielt dadurch eine entscheidende Wendung.
3 Die Größe eines Schiffes wurde nach den Lasten bestimmt, die es tragen konnte: 1 Last (auch Korn- oder Roggenlast) = 2000 kg, 1 Kommerzlast = 3000 kg.
4 Über die ersten Teermagazingebäude vgl. S. 100, Anm. 1.
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