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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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Eis im Blocklande, den man sogleich benutzte, den Ingenieurleutnant Schilling 6 nach Vegesack zu senden, um von dort schnell einen Bericht der vorgefundenen Umstände einzusenden und alle Mittel in Anwendung zu bringen, die ihm zur Hebung des Übels dienlich scheinen möchten, währenddessen eine Deputation des Senats und der Bürgerschaft ihm nachkam.

Der Ingenieur fand hinter dem Rönnebecker Eisdamm eine breite Öffnung, in welcher er noch einigen Strom bemerkte und die sich in ein freies Wasser verlor. Hier, wo noch einiger Zug zwischen dem Eise sein mußte, entschloß er sich, einen Kanal von 120 Fuß Breite [35 m] durch den Eisdamm zu eröffnen, den er am 12. Februar mit 200 Arbeitern anfing. Mit starken Eissägen, deren sich die grön­ländischen Schiffe 7 bedienen, ließ er das Eis nach der Länge des Stromes durch­schneiden, in der Breite des Kanals aber durchhauen, weil die Strömung, so schwach sie auch war, dennoch die freie Bewegung der Säge in der Breite des Flusses ver­hinderte. Die von der übrigen Masse so getrennten Eisstücke brach man mit großen Hebebäumen weg oder brachte sie durch eine Schaluppe in Bewegung, die man hinaufschleppte, mit Arbeitern anfüllte und dann die Schollen dem Strom überließ.

Dieser Kanal, der teils der Richtung des Fahrwassers, teils den Stellen folgte, wo man die größte Tiefe und den stärksten Zug des Stromes fand, erhielt gleich den ersten Tag eine Länge von 700 Schritt; am 13. Februar aber, an welchem 300 Arbeiter wieder 1200 Schritt fortrückten, kamen diese dem eigentlichen Eisdamm immer näher. Zweihundert Mann, welche die Oldenburger Kammer stellte, ver­mehrten am 14. die Zahl der Arbeiter, und nachdem sie an diesem Tage wiederum 1000 Schritt weiter arbeiteten, gelangten sie an den hauptsächlichsten ersten Eis­damm, wo das Grundeis, sobald die Oberfläche zerbrochen war, in großen Schollen in die Höhe schoß und die Schnelligkeit des Stromes sich merklich vermehrte. Jetzt fand man indessen auch die Arbeit beschwerlicher, da wegen der übereinander gefrorenen sehr dicken Eisschollen die Eissägen an manchen Stellen nicht gebraucht werden konnten, und ungeachtet der Strom mit Heftigkeit unter dem Eise hervor­schoß, gerieten dennoch die Schollen bei einer Tiefe von 24 Fuß [7 m] wegen des vielen unter ihnen hängenden Eises und ihrer dadurch vermehrten Schwere nicht selten in Stillstand, bis Arbeiter sich darauf stellten und sie mit Hebebäumen wie­der in Bewegung setzten.

Um dem oberen Wasser mehr Durchzug zu verschaffen, erweiterte man mit einigem Zeitaufwand den Kanal, gegen welchen sich schon der Zug des Wassers vermehrte, das dadurch an anderen Stellen fiel und verschiedene sogenannte Waken 8 von selbst verursachte, zwischen welchen man den Kanal durcharbeitete. Am 17. verstärkte die Regierung zu Stade ihrerseits die Arbeiter mit 100 Mann. Es entstanden in der Gegend des Kanals mehrere Öffnungen, und den nämlichen Nachmittag brach das Eis in der Lesum los, so daß diese, sobald sich der Kanal bis nach Fähr erstreckte, einen freien Abzug erhielt, wodurch das Wasser in diesem

6 Rudolph Ernst Schilling (17281774) aus Braunschweig war seit 1765 Ingenieur­leutnant beim Artilleriekorps des Stadtmilitärs; 1774 wurde er zum Ingenieurkapitän befördert.

7 Gemeint sind die an der Grönlandfahrt beteiligten bremischen Schiffe.

8 Wake: ein in das Eis gehauenes Loch.

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