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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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15. Viehseuche Deichbrüche Eisdamm in der Weser Mißernte

In verschiedenen Gegenden herrschte gegen das Ende des Jahres 1764 die Horn­viehseuche, und alle versuchten Vorkehrungsmittel konnten sie auch in einigen folgenden Jahren nicht vertilgen. Besonders heftig wütete sie in den Jahren 1770, 1774 und 1775, so daß noch im Frühling 1776 die Weiden nur mit vieler Vorsicht betrieben werden konnten.

Nicht minder litt der Landmann durch mehrere, zum Teil sehr schwere Deichbrüche und Überschwemmungen der Felder.

Am 4. Januar 1764 durchbrach die hoch angeschwollene Weser die Neustadts- contrescarpe an zwei Stellen, überströmte das ganze Vieland und stürzte aus dem Stadtgraben durch den sogenannten Schwarzpott und die Sortillienpforte 1 des Neustadtswalles, die man aus Versehen nicht zugedämmt hatte, sowie bei dem Schulort*, wo das Wasser ein kleines Bollwerk weggerissen hatte, so stark in die Neustadt, daß diese bis an die Westerstraße unter Wasser kam. Viele Bewohner kleiner Häuser von einem Erdgeschoß mußten ihre Zuflucht auf den Böden suchen. Mit Schiffen fuhr man ihnen Lebensmittel zu, zu deren Anschaffung eine schnell angestellte allgemeine Sammlung in der Altstadt einen reichen Ertrag lieferte. Bloß die Wiederherstellung der Contrescarpe und der erwähnten Stellen am Wall er­forderte einen Kostenaufwand von 13 800 Talern.

Eine noch größere Gefahr bedrohte im Jahre 1767 die Dörfer, welche den Eisen­radsdeich 3 unterhalten müssen, den der andrängende Strom zu untergraben suchte. Zu ihrer Unterstützung und zur Abwendung der daraus auch für die Stadt zu besorgenden unglücklichen Folgen bewilligten Rat und Bürgerschaft am 14. August 4000 Taler, wofür eine gemeinschaftliche Deputation im folgenden Jahre eine Buhne oder Schlachte an der Pauliner Marsch anlegte, um den Strom dadurch abzuleiten.

Das schrecklichste Jahr aber war das Jahr 1771. Kaum findet sich ein Beispiel, daß die Weser in und bei Bremen größeres Unglück angerichtet, mehr kostbare Deiche, die freilich noch nicht die jetzige Höhe und Stärke hatten, zerstört, mehr Schaden dem Landmann zugefügt habe, wie eben dieses. Zu wunderbar, gott­lob!, zu selten waren die Veranlassungen, zu merkwürdig die Hilfsmittel, die man

1 Durch den Neustadtswall führten zwei Ausfallpforten (Sortiepoorten), die eine beim Schwarzpott, einem Pulvermagazin nahe der heutigen Schulstraße (bis 1868: Beim Schwarzpott), die andere bei der Großen Sortillienstraße. Beide wurden nach der Überschwemmung von 1764 zugemauert.

2 Schulort (Schul-Oord, ein Schlupfwinkel, abgelegener Ort) hieß die Bastion im Osten der Neustadt, die unmittelbar an die Kleine Weser stieß. Der ihr vorgelagerte Teil des Stadtgrabens blieb in Gestalt der heutigen Piepe erhalten.

3 Der Eisenradsdeicb eiserner Deich des Rats (?), der etwa zwischen den heutigen Straßen Sielwall und Am Hulsberg verlief, war eines der wichtigsten, aber auch gefährdetsten Bollwerke der Stadt gegen das Hochwasser der Weser. Er hinderte den Strom, der das Bestreben hatte, sich gegen sein rechtes Ufer zu verlagern, in die Niederung des Dobbens einzudringen und das Hinterland zu überfluten. Heute wird diese Strecke durch einen Teil des Osterdeichs geschützt.

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