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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
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11. Lesegesellschaften Entstehung der Gesellschaft Museum öffentliche Bibliothek Rechts- und kirchengeschichtliche Publikationen

Neben jener Schulreform stoßen wir fast in der nämlichen Periode auf eine andere literarische Erscheinung, die zu folgenreich war, um sie stillschweigend übergehen zu dürfen.

Nie war wohl ein Zeitpunkt der deutschen Literatur im Fache der schönen Wissenschaften günstiger als die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die deutschen Klassiker, die damals erschienen, die Schule, die sie bildeten, fanden bald auch in Bremen ihre Verehrer. Sie erweckten oder befriedigten zuerst den Sinn für Werke des Geschmacks, der vorher auf deutschem Boden nur wenige Nahrung fand. Mit den nach und nach neuerscheinenden vaterländischen Produkten in die­sem Fache fortwährend bekannt zu bleiben, wünschten viele; auf eigene Kosten dieses zu befriedigen, erlaubte nicht die Lage eines jeden. Mit wenigem Aufwand und ohne Mühe sich jene zu verschaffen, entstanden dadurch in den sechziger Jahren einige sogenannte Lesegesellschaften in Bremen, deren Mitglieder der­gleichen Bücher unter sich wöchentlich zirkulieren ließen und dann unter sich durch Aufgebot verkauften, anfangs nur im Fache der Dichtkunst, der Romane u. dgl., nach und nach in mehr anderen, zuletzt fast in allen Fächern der Wissen­schaften. Und man darf kühn behaupten, daß gegen das Ende des Jahrhunderts wohl in wenigen Städten, nach Verhältnis der Größe, eine so unglaubliche Anzahl solcher Institute gefunden sein möchten wie hier, wo sie fast in allen Ständen, bis auf die dienende Klasse hinzu, ihre Mitglieder zählten.

Freilich fielen von diesen Samenkörnern viele auf einen unfruchtbaren Acker. Daß aber nicht auch manche zu einer allgemeineren Geistesbildung unter beiden Geschlechtern ein Großes beigetragen, Geschmack an mannigfaltigen Kenntnissen verbreitet haben sollten, wer vermag dieses zu leugnen? Daß sie, auch ohne polizei­liche Aufsicht, auf Charakter und Denkungsart keinen nachteiligen Einfluß hatten, zeigte die Erfahrung in den Zeiten, wo bald Empfindelei, bald Ritterwesen, bald ungebundener Freiheitstaumel unter den Schriftstellern an der Tagesordnung waren. Daß solide Kenntnisse durch sie geweckt wären, darf allerdings nicht be­hauptet werden. Doch diese lagen mit wenigen Ausnahmen auch außer dem Plan der meisten solcher Verbindungen.

Zu den Ausnahmen dieser Art gehörte es, wenn zuweilen einige Freunde der Wissenschaften ein oder anderes großes teures Werk zur Ersparung der Kosten auf ähnliche Weise anschafften und benutzten. Eine dieser bloß temporären Verbindungen gab einer Stiftung ihr Entstehen, die jetzt als eine der größten Zierden Bremens herangewachsen ist, einer wissenschaftlichen Anstalt für alle gebildeten Stände, die vorzüglich den Geschmack an Kenntnissen der Geschichte, Physik und Naturgeschichte erregte, diese immer weiter ausbreitete, die den schönsten Beweis von dem Sinn für Wissenschaften darbietet, der in Bremen herrscht, und wieviel selbst bei geringem Anfang das vereinte Bestreben mehrerer, auch bei mäßigem Kraftaufwand jedes einzelnen, auszuführen vermag. Einige Personen, größtenteils Kaufleute, hatten im Jahre 1774 die Hawksworth-

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