Druckschrift 
Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
Seite
100
Einzelbild herunterladen
 

nen, neuen Befestigungswerke noch nichts bedeuteten, sie hätten fast ohne Schwert­streich eindringen können, unbemerkt bis mitten in die Stadt vorrücken und die Besatzung beinahe in den Betten überfallen können. Doch die Vorsicht sandte ihren schützenden Engel, und Bremen war gerettet.

Nur ein einziges, hochgeachtetes, liebenswürdiges Frauenzimmer, die Gattin des ehemaligen römisch-kaiserlichen Gesandten von Vrintz 5 , wurde durch diesen Vor­fall gekränkt. Diese hielt man eines Briefwechsels mit den französischen Gene­rälen verdächtig, verhaftete sie und führte sie, zwar ihrem Stande gemäß, jedoch sehr genau bewacht, mit ihrem Gemahl gefangen nach Stade. Man konnte aber nichts gegen sie aufbringen als höchstens eine sehr verzeihliche größere Anhäng­lichkeit an die Bundesgenossen ihres Monarchen als an dessen Feinde und ein allerdings nicht sehr vorsichtig abgefaßtes Schreiben an sie von dem Grafen von Cobenzl 6 , damaliger Gouverneur der Niederlande. Sie wurde also wieder frei­gelassen, kehrte inzwischen nicht gleich nach Bremen zurück. Wahrscheinlich mochte ein treffender Witz dieser sehr geistreichen Frau einen Offizier von Rang etwas schmerzhaft getroffen und dafür ihr diese Kränkung zugezogen haben. Bis zum 9. Dezember behielt die Stadt ihre damalige Besatzung, erst dann mar­schierten die meisten englischen und deutschen Truppen weiter, wogegen am 20. Dezember die beiden hannoverschen Regimenter Schulenburg und Bock ein­rückten und bis zum 4. Januar des folgenden Jahres (1762) blieben.

13. Befestigung der Stadt durch die Alliierten

Seit jenem nächtlichen Besuch der Franzosen richteten die Alliierten mehr Auf­merksamkeit auf die Beschaffenheit der bremischen Festungswerke und ließen besonders die Zugänge der Stadt vor den Brücken, die über den Stadtgraben führten, mit kleineren Verschanzungen oder Brückenköpfen versehen. Mit bluten­dem Herzen sah Bremens ruheliebender Bürger, dem die Künste des Friedens mehr galten als Bellonens Gepränge, Anstalten dieser Art. Gern hätte er sie weit von sich entfernt gewünscht, und dennoch wurden sie als ein Verdienst, das man sich um die Stadt erwerbe, als eine nützliche Verbesserung ihm angerechnet, von der er also ganz billig auch die Unkosten tragen müsse. Ja, er mußte solche Un­kosten sogar doppelt tragen, als im Januar 1762 die Fluten der hoch angeschwol­lenen Weser die Contrescarpe der Neustadt hinter den Teerhäusern 1 durchbrachen

5 Marie Therese Freiin von Vrintz zu Treuenfeld, eine Tochter des Reichshofrats und kaiserlichen Residenten in Hamburg, Maximilian Heinrich Freiherr von Kurtzrock.

6 Ludwig Graf von Cobenzl (17121770) war von 1753 bis zu seinem Tode bevoll­mächtigter Minister in den österreichischen Niederlanden und hatte damit die Leitung der Verwaltung unter dem Prinzen Karl von Lothringen.

1 Die weitläufigen hölzernen Teerhäuser lagen abgesondert im äußersten Westen der Neustadt auf der Bastion Weserkante. Sie waren um 1730 zur Lagerung von Teer, Pech und Harz eingerichtet worden, die die Großhändler aus Feuerschutzgründen nicht in ihren Packräumen halten durften, sondern hier gegen eine Gebühr verwahren

100