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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
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von Braunschweig die französische Besatzung in Verden, die sich nach Bremen zurückzog, jedoch nach einem gehaltenen Nachtlager weitermarschierte. Jetzt machte der Graf Saint-Germain seiner erhaltenen Order gemäß Miene, sich in Bremen ernstlich verteidigen zu wollen. In möglichster Eile ließ er an einer Er­höhung der Brustwehren auf den Altstadtswällen arbeiten, neue Batterien anlegen, den bedeckten Weg der Contrescarpe 9 einsenken und 4000 Palisaden aus dem Amte Syke herbeifahren; erbrach auch, ebenmäßig der Kapitulation zuwider, das Zeug­haus und ließ aus demselben noch 17 Kanonen auf den Altstadtswall aufführen. Kaum hatte er indessen das Schicksal des Generals Chabot erfahren, den eben­mäßig der Erbprinz von Braunschweig in Hoya überfiel und mit ansehnlichem Verlust vertrieb, als er ebenso schnell diesen Gedanken der Verteidigung aufgab und noch den nämlichen Tag mit seinen Truppen der großen französischen Armee in Westfalen zueilte. Frühmorgens am 24. Februar ertönten daher die Lärmtrom­meln, jeder packte auf; und noch vor Mittag marschierte alles in größter Eile weg. Vorher aber hatte der General zur Deckung seines Rückzugs dem Senat das Versprechen abgenötigt, die Stadttore 24 Stunden lang verschlossen zu halten. Ohne welche feste Versicherung die Weserbrücke wäre zerstört und manches andere Unheil verübt worden, statt daß jetzt die Fliehenden sich begnügten, einige Kano­nen auf dem Neustadtswall zu vernageln.

5. Besetzung Bremens durch die Hannoveraner Erzwungene Lieferung von Lebensmitteln und Furage

Treu diesem Versprechen blieben daher die Tore verschlossen, als um 7 Uhr abends einige dreißig hannoversche Jäger in das Doventor eingelassen zu werden ver­langten, aber hier so wie an anderen Toren, wo sie den Versuch erneuerten, zurückgewiesen wurden. Zwei Stunden später rückten mehrere Regimenter hanno­verscher Infanterie mit Kavallerie in die Vorstädte ein, und der Generalmajor von Diepenbroich 1 verlangte die Öffnung der Tore innerhalb einer halben Stunde. Nach kurzer Beratung mit der zusammengerufenen Bürgerschaft begab sich eine Ratsdeputation zu dem General. Allein, sie konnte so wenig eine billige Kapi­tulation als nur mal das Versprechen der möglichsten Schonung der Stadt erlangen.

9 Die bremischen Verteidigungswerke waren im 17. Jahrhundert zu einem bastionären Befestigungssystem ausgebaut worden. Seine wesentlichsten Elemente waren der als Haupthindernis dienende breite Stadtgraben mit innerer und äußerer Böschung (Escarpe und Contrescarpe) und der Wall, der mit seinen fünfeckigen Bastionen die Beherrschung des Vorfeldes ermöglichte. Zur Verteidigung des Grabens war zwischen ihm und dem Hauptwall ein wie dieser mit einer Brustwehr ausgestattetes niedriges Erdwerk angelegt, der Niederwall (Faussebraye). Eine nach innen steil abfallende, nach außen sich flach ins Gelände senkende Erdböschung (Glacis) jenseits des Grabens sollte dem Feind das Annähern erschweren; im Schutze des Glacis verlief der bedeckte Weg.

1 Gustav Wilhelm von Diepenbroich (gest. 1771), hannoverscher General.

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