3. Aufhebung der Zevener Konvention — Behauptung der Neutralität
Unermüdet setzte der Senat zugleich bei dem kaiserlichen, dem englischen, dem dänischen und dem preußischen Hofe seine Bemühungen fort, eine Neutralität möglichst gesichert zu erhalten, sah jedoch nur zu schnell die Hoffnungen gescheitert, die er auf die Zevener Konvention gebaut hatte. William Pitt 1 , der große Staatsmann, hielt diesen Vertrag von Anfang an für einen Schandfleck der englischen Nation. Weder England noch Frankreich hatten ihn ratifiziert. Die Hannoveraner, die sich aus demselben mit einer gewissen Neutralität schmeichelten, sahen sich statt dessen allen Plünderungen Richelieus preisgegeben; sogar die Kornausfuhr aus Bremen wurde ihrem Ministerium von den Franzosen abgeschlagen. Die Hessen wollten sich nicht entwaffnen lassen, welches die Franzosen selbst einen Bruch der Konvention nannten, und der preußische Sieg bei Roßbach 2 hob alle Bedenklichkeiten. Am 26. November erreichte die Konvention ihr Ende. Die zerstreuten Hannoveraner zogen sich zusammen, 12 000 Hessen verbanden sich mit ihnen. Die Braunschweiger, angefeuert durch ihren Erbprinzen 3 , wollten, ungeachtet des bestimmten Willens ihres Landesherrn, sich nicht von ihnen trennen. Einige Regimenter preußischer Kavallerie verstärkten dieses Armeekorps; noch wichtiger aber als diese betrachtete man es, daß der Herzog Ferdinand von Braunschweig 4 gegen Ende des Novembers in Stade ankam und sich an die Spitze der Truppen stellte. Ein solches Kriegsfeuer, das, anscheinend kaum gedämpft, in der Nähe Bremens so unerwartet wieder aufloderte, mußte die Stadt mit Recht beunruhigen; und die Furcht vor einem Uberfall von der einen oder anderen kriegführenden Partei, die sich dadurch einen desto sichereren Übergang über die Weser zu verschaffen suchen möchte, vermehrte sich mit jedem Tage, besonders da die Franzosen täglich durch die Vorstadt nach und von Burg hin und her zogen. In der Altstadt blieben daher das Herden-, Ansgari- und Stephanitor auch bei Tage verschlossen. Nur mit Vorsicht öffnete man das Oster- und Doventor, verschloß sie früher als sonst gewöhnlich; verstärkte die Außenposten und zerschlug täglich das Eis des Stadtgrabens 5 .
Nach den angenommenen Grundsätzen einer strengen Neutralität versagten Rat und Bürgerschaft am 24. November den Durchmarsch von vier Regimentern Infan-
1 William Pitt Earl of Chatham (1708—1778), britischer Staatsmann, zur Unterscheidung von seinem Sohn, dem Gegner Napoleons, Pitt der Ältere genannt.
2 Bei Roßbach errang Friedrich d. Gr. am 5. November 1757 innerhalb weniger Stunden einen Sieg über eine Armee von Reichstruppen und Franzosen, der sein Bündnis mit England sicherte und ihm zu großer Volkstümlichkeit in Deutschland verhalf.
3 Karl Wilhelm Ferdinand (1735—1806), der spätere Herzog von Braunschweig (reg. 1780—1806), wurde vor allem als preußischer Heerführer bekannt.
4 Herzog Ferdinand von Braunschweig (1721—1792), Schwager Friedrichs d. Gr., preußischer Generalfeldmarschall.
5 Die Eisdecke wurde zertrümmert, um Angreifer am Überqueren des Stadtgrabens zu hindern. Zum Isen dienten zunächst kleine Eisschiffe, bei stärkerem Frost Äxte, Beile und Eishaken.
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