1. Annäherung der Armeen — Bremens Verhalten — Bemühungen um Neutralität
Die Stimmung, welche das Erdbeben von Lissabon (1. November 1755), dessen Spuren man auch in Bremen, besonders durch die unruhigen Bewegungen der Weser, bemerkt zu haben glaubte, über einen großen Teil von Europa verbreitete, noch mehr aber die Besorgnisse eines ausbrechenden Krieges, der sich über ganz Deutschland erstrecken möchte, hatten schon am 3. März des Jahres 1756 einen abermaligen außerordentlichen Dank-, Büß- und Bettag veranlaßt, und wahrlich nahte sich auch der Zeitpunkt, in welchem die Stadt eines vorzüglichen Schutzes der höheren Vorsehung bedurfte. Denn kaum entstand, nach Preußens Einfall in Sachsen am 29. August d. J. und Friedrichs 1 Sieg bei Lobositz 2 über Maria Theresia 3 , ein Bündnis zwischen Österreich, Frankreich, Rußland und Schweden, als ein großes französisches Heer unter dem Marschall d'Estrees 4 sich der Weser näherte, ganz Westfalen durchstrich und Ostfriesland in Besitz nahm. Dagegen zog im Frühjahr 1757 eine Observationsarmee von Hannoveranern, Hessen, Braunschweigern, Gothaern und Bückeburgern sich zusammen, die, mit einigen tausend Preußen verstärkt, 40 000 Mann groß war. Wilhelm August, Herzog von Cumberland 5 , ein Sohn König Georgs II. von England, erhielt das Kommando über diese Alliierten.
Die ersten Truppen, welche Bremen in diesem Kriege erblickte, waren ein hannoversches Reiterregiment, das am 7. April 1757 durch die Stadt zu der Observationsarmee marschierte. Ungern hatte man in Bremen diesen Durchmarsch gesehen und schon im Jahre vorher den Durchmarsch der acht Regimenter Hessen, die damals zur Unterstützung gegen den Kronprätendenten nach England gingen, verbeten, und die daher im Mai ihren Weg durch das Herzogtum Bremen nahmen. Damals wünschte der Senat bloß, jede kriegerische Belästigung von der Stadt abzuwenden; jetzt ging sein Zweck weiter. Er suchte eine völlige Neutralität der Stadt in dem ausgebrochenen Krieg zu erlangen und wollte diese durch keine Truppenmärsche verletzt wissen. Er verbat daher abermals den nachgesuchten Durchmarsch jener Hessen, die nunmehr aus England wieder zurückkamen, und um dazu sowie zu jedem ähnlichen Verlangen den Vorwand zu benehmen, traf er die Anstalten, oberhalb der Stadt eine Schiffbrücke über die Weser zu schlagen, die aber dieses Mal nicht nötig wurde, weil das erwartete Korps bei Nienburg über die Weser ging. Auch gelangen die Bemühungen, bei dem kaiserlichen Hof sowohl eine Befreiung
1 König Friedrich II., der Große, von Preußen (1712—1786) regierte von 1740 bis 1786.
2 Bei Lobositz in Nordböhmen besiegte Friedrich d. Gr. am 1. Oktober 1756 die Österreicher, die zum Entsatz der bei Pirna eingeschlossenen Sachsen heranrückten.
3 Kaiserin Maria Theresia, Königin von Ungarn und Böhmen, Erzherzogin von Österreich (1717-1780), regierte von 1740 bis 1780.
4 Louis Charles Cesar Letellier Herzog von Estrees (1697-1771), französischer Marschall.
5 Wilhelm August Herzog von Cumberland (1721—1765), dritter Sohn des Königs Georg II. von England, Oberbefehlshaber der englisch-hannoverschen Armee.
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